Mit dem Einmarsch russischer Truppen am 24. Februar 2022 in die Ukraine endet abrupt eine über Jahrzehnte – auch in Zeiten des kalten Krieges – und in den Regierungsjahren von Kanzler Gerhard Schröder und Kanzlerin Angela Merkel weithin ausgebaute, historisch gewachsene “energiewirtschaftliche Zusammenarbeit” zwischen Russland und Europa und gerade auch der Bundesrepublik. Günstige fossile Rohstoffe aus Russland im Tausch gegen Devisen, PKWs, Züge und Technologie – diese für beide Seiten lange zufriedenstellende Formel – gehört nun vorerst der Vergangenheit an. Dieser Artikel versucht zu beleuchten, welche Auswirkungen die damit ausgelöste Energiepreiskrise für Energiewirtschaft, Endverbraucher, Industrie und Volkswirtschaft haben wird.

Vorgeschichte

Entwicklung der Rohölpreise seit 1980. Quelle: www.tecson.de

Schwankungen bei den Preisen für fossile Energieträger sind kein neues Phänomen. Bereits Ende der 2000er Jahre erlebten die Rohstoffmärkte einen rasanten Aufstieg mit einem Rohölpreis von über 100 US-Dollar pro Barrel (159 Liter), gebremst durch die Weltfinanzkrise, die EU-Schuldenkrise und schließlich Mitte der 2010er Jahre durch den Boom der US-Fracking-Industrie. Im ersten Jahr der COVID-19-Pandemie 2020 sank der Preis für Rohöl schließlich erstmals kurz in den negativen Bereich. Seit 2021 steigen die Rohstoffpreise wieder stark an, getrieben durch Nachholeffekte der Pandemie, einem weiter steigenden globalen Bedarf und jüngst durch den russischen Überfall auf die Ukraine. Glaubt man Investoren wie Waren Buffett, steht die Rohstoffbranche vor einem neuen Superzyklus.

Gewachsene Abhängigkeit

2020 importierte Deutschland 42% seines Rohölbedarfs und 55% seines Erdgasbedarfs aus Russland, meist per Pipeline. Da der Transport über Pipelines grundsätzlich preiswerter als per Tankschiff/LNG ist und erhebliche Infrastrukturinvestitionen von beiden Seiten im Vorfeld notwendig sind, gab es bis zum Kriegsausbruch in der Ukraine keine Bestrebungen in Deutschland, die Bezugsquellen aus Russland zu diversifizieren. Nun steht man vor dem Dilemma, dass es zumindest beim Gasbezug keine kurzfristige Möglichkeit gibt, auf andere Lieferanten zu wechseln. Beim Erdölbezug konnte laut BMWK die Anhängigkeit auf 12% in diesem Jahr gesenkt werden, ebenso bei Steinkohle (von 50% auf 8%). Beim Erdgas ist die Abhängigkeit von 55% auf 35 % gesunken.   

Starker Preisanstieg im Strommarkt bereits ab Mitte 2021

Durchschnittliche Spotpreise in Deutschland seit 01.01.2021. Quelle: www.bricklebrit.de

Bereits Mitte letzten Jahres stiegen die Preise für Öl, Gas und Strom deutlich. Besonders am Strom-Spotmarkt von etwa 5 Cent / kWh im Mai 2021 auf über 12 Cent / kWh Ende 2021 – eine Steigerung von über 100 Prozent. Da die Spotmarkt-Preise auch der Taktgeber für langfristig ausgehandelte Preise am Terminmarkt (Futures) sind, werden Sie mit Zeitverzug auch an gewerbliche, industrielle und private Verbraucher weitergereicht. So mussten bereits Ende 2021 einige Strom-Discounter in die Insolvenz gehen, da sie durch eine mutmaßlich risikoreichere Beschaffungsstrategie die hohen Spotpreise nicht direkt an Ihre Kunden, meist mit fester Preisbindung, weitergeben konnten. In 2022 stiegen die Spotpreise an der Börse weiter, auf inzwischen fast 30 Cent / kWh (Juli 2022). Im Vergleich zum Mai 2021 entspricht das einer Steigerung von 600 Prozent.

Hauptursache sind die gestiegenen Gaspreise, da Gaskraftwerke als Spitzenlastkraftwerke die preissetzende Komponente in der so genannten Merit-Order sind. Weiterhin spielen die Kosten für CO2-Emmissionen, eine geringere Stromproduktion der Kernkraftwerks-Flotte in Frankreich, ein grundsätzlich verkleinertes Angebot an Kraftwerkskapazität (Atom- und Kohleausstieg) sowie eine geringere Erzeugung aus Windkraft in den Sommermonaten sowie der nach wie vor zu langsame Ausbau Erneuerbarer Energien eine preistreibende Rolle.

Auswirkungen für den Endverbraucher: Stromabschlag verdoppelt, Gaspreis verdreifacht

Bis jetzt haben die meisten Endverbraucher wenig von den steigenden Strom- und Gaspreisen gespürt. Das dürfte sich allerdings spätestens ab Herbst ändern, da viele Tarife nur über eine jährliche Preisbindung verfügen. So verlangt Ökostrom-Pionier EWS Schönau derzeit 51,20 Cent pro kWh zzgl. rund 10 EUR monatlichen Grundpreis für Neukunden. Auch ein Preisvergleich in diversen Portalen führt aktuell zu ähnlichen Preisen. Macht bei einer (sparsamen) vier-köpfigen Familie mit einem Jahresbedarf von 2500 kWh genau 1400 EUR/Jahr.  

Nehmen wir weiterhin an, dass die gleiche Familie in einem teilsanierten Reihenhaus mit einem Gasbedarf von 18.000 kWh lebt, kommen dafür laut Preisvergleich weitere Kosten in Höhe von 4800 EUR pro Jahr hinzu (Stand: 25.07.2022). Das entspricht einer Preissteigerung von über 300% im Vergleich zu 2021. Hinzu kommen hier noch die Kosten für die Rettung des Gasriesen UNIPER, die mit 200 – 300 EUR für eine vierköpfige Familie zu Buche schlagen.

Geht man weiterhin davon aus, dass die Familie über einen Benzin-PKW mit einer Laufleistung von 12.000 Kilometer pro Jahr und einem Durchschnittsverbrauch von 6 Litern Superbenzin verfügt, entstehen bei einem Durchschnittspreis von 1,96 EUR pro Liter Gesamtkosten von 1400 EUR pro Jahr.

Für Strom, Gas und Mobilität würde diese fiktive Familie also insgesamt 7600 EUR pro Jahr bezahlen, sollten die Preise auf dem aktuellen Niveau verbleiben. Das durchschnittliche Nettoeinkommen eines Haushalts betrug im Jahr 2020 43.344 EUR pro Jahr. Allein für Energie (Strom, Gas, Benzin) würde der hier angenommene Haushalt knapp 18 Prozent seines jährlichen Gesamtbudgets ausgeben. Das entspricht dem knapp 3-fachen Wert von 2020 (damals 6,1 % vom durchschnittlichen Nettojahreseinkommen, allerdings lagen in diesem Jahr die Energiepreise auf einem historisch niedrigen Niveau). Wie viele Haushalte diese Preise dauerhaft begleichen können bleibt fraglich, zumal der GfK-Konsumklimaindex bereits auf einen Wert weit unter dem im Zeitraum der CORONA-Pandemie gesunken ist.  

Industrie

Jahrelang profitierte gerade die energieintensive Industrie in Deutschland von niedrigen Spotpreisen im Strommarkt (z.B. Aluminiumproduzenten), Ausnahmeregelungen bei der EEG-Umlage und niedrigen Gaspreisen. Durch die Energiepreisexplosion der letzten 9 Monate drohen nun empfindliche Preissteigerungen: Bäckereien, Alu, Stahl, Chemie (Dünger, Lack) und selbst Bierbrauereien sind betroffen. Dort, wo möglich, stellt die Industrie bereits von Gas auf Öl um. Bleiben die Preise, wo sie gerade stehen, stellt sich mittelfristig auch die Frage nach der Wettbewerbsfähigkeit im internationalen Maßstab, der Sicherung von Industriearbeitsplätzen sowie dauerhaft höheren Preisen für nahezu sämtliche Konsumgüter.

Scheitholz, Holzpellets und Kaminöfen – Panik am Markt

Quelle: https://www.holzpellets.net/holzpellet-charts/

Die signifikant gestiegenen Gaspreise sowie die Drohkulisse eines kompletten Gaslieferstopps aus Russland sorgen derzeit für eine Renaissance holzbasierter Wärmeerzeugung. So lag der Holzpelletpreis über knapp 10 Jahre vergleichsweise konstant zwischen 220 – 250 EUR pro Tonne. Im Juli 2022 erreichten die Preise bereits über 700 EUR pro Tonne – eine Steigerung um 300 Prozent bei gleichzeitig eingeschränkter Verfügbarkeit. Gleiches trifft auf Holzhackschnitzel zu, wenngleich die Preissteigerung im Vergleich zum Vorjahr hier nicht ganz so hoch ausfällt. Zur Mangelware gehören inzwischen auch Kaminöfen und die zugehörige Peripherie mit Lieferzeiten von mehr als drei Monaten. Am Markt herrscht Panik, ähnlich wie zu Zeiten der Toilettenpapier-Hamsterkäufe zu Beginn der Corona-Pandemie 2020. Holz ist als Ersatz für Erdgas im Bereich der Wärmeerzeugung im Sinne einer nachhaltigen Forstwirtschaft grundsätzlich ungeeignet und daher nur für einen begrenzten Markt im ländlichen Bereich und bestenfalls lokaler Nutzung sinnvoll.    

Gewinner, Chancen und Risiken

Gasheizungen waren – durch vergleichsweise geringe Installationskosten, wiederkehrende Einnahmen für die jährliche Wartung für Installateure und überschaubare Gaspreise – über das vergangene Jahrzehnt die dominierende Technologie zur Wärmeerzeugung in Privathaushalten in Deutschland. Die signifikant gestiegenen Gaspreise sorgen nun für einen Boom bei Alternativen wie Wärmepumpen, Klima-Splitanlagen oder so genannten Brauchwasser-Luft-Wärmepumpen zur Warmwassererzeugung. Heizungsinstallateure und die Herstellerindustrie sind die Profiteure. Auch Schornsteinfeger dürfen sich über zahlreiche neue Kunden freuen.

Die hohen Strompreise sorgen weiterhin für einen Nachfrageschub im Bereich der privaten Photovoltaik oder so genannten PPAs. Die meisten Installateure sind auf Monate hin ausgelastet. Das Thema Energieeinsparung (Heizungssteuerung/optimierung, energetische Gebäudesanierung/Dämmung, Energieberatung) bleibt gefragt. Der Nachfrageschub sowie Probleme bei den Lieferketten führen derzeit allerdings auch zu Engpässen, etwa bei der Verfügbarkeit von Wechselrichtern, Wärmepumpen, Klimatechnik und PV-Modulen sowie der grundsätzlich begrenzten Kapazität von qualifiziertem Handwerkspersonal. Selbst einfache Lösungen wie so genannte Balkonkraftwerke sind derzeit kaum am Markt verfügbar. Die Modulpreise steigen bereits seit einiger Zeit entgegen dem langjährigen Trend wieder an.

Vom hohen Börsenstrompreis profitieren Direktvermarkter erneuerbarer Energien oder Energieversorgungsunternehmen wie die VERBUND AG, die einen Großteil ihrer Produktion über Wasserkraft generieren. Auch die Betreiber von Braunkohlekraftwerken und Kernkraftwerken dürften kurzfristig kräftig mitverdienen. Vom hohen Öl- und Gaspreis profitieren die großen, multinationalen Förderkonzerne, Gazprom (Russland) eingeschlossen. In Kombination mit den politischen Maßnahmen dürfte die angestrebte Energiewende in Deutschland eher beschleunigt als verlangsamt werden, was mittelfristig die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern reduziert. Entsprechende Gesetze wurden dazu bereits auf den Weg gebracht.

Ein nicht zu unterschätzender Faktor wird auch der Temperaturverlauf des Winters 2022/2023 in Europa darstellen. Ein überdurchschnittlich warmer Winter könnte für erhebliche Entlastung sorgen. Echte Langfristvorhersagen sind in einem chaotischen System grundsätzlich nicht möglich, allerdings gibt es einige experimentelle Einschätzungen, wie die der amerikanischen NOAA, die momentan von einem eher milden Winter ausgehen.

Unabhängig vom möglichen Verlauf des Winters führen die hohen Energiepreise auch zu sozialen Fragestellungen: Nicht jeder Haushalt verfügt über das Eigentum, das Wissen oder das Kapital, etwa eine eigene PV-Anlage zu errichten, die Gasheizung energetisch optimal einzustellen oder flexibel (Home Office) auf die gestiegenen Benzinpreise zu reagieren. Vor allem Geringverdiener und geringverdienende Familien werden in den kommenden Monaten massiv von den Preissteigerungen betroffen sein. Hierzu zählen insbesondere alleinerziehende Frauen (aus eigener Erfahrung) und Rentner*innen.

Eine mittelfristige Antwort der Politik für diese Fragestellung über den Sommer 2022 hinaus steht momentan noch aus, auch wenn das 9-EUR-Ticket und der Tankrabatt für eine kurzfristige Entlastung gesorgt haben. Insbesondere erstere Maßnahme dürfte IMHO für viele Bürger*innen die erste Eisenbahnfahrt seit Jahr(zehnten) zur Folge gehabt haben.

Die durch die Energiepreiskrise angeheizte Inflation und die damit verbundenen Maßnahmen der Europäischen Zentralbank (Leitzinserhöhung) sorgen für steigenden Druck im Immobiliensektor und in Kombination mit gestiegenen Baumaterialkosten auch für erhebliche Risiken für die gesamte Baubranche. Im Worst-Case-Szenario droht der EU eine neue Finanzkrise wie 2008 in den USA, wobei fraglich ist, welche geldpolitischen Antworten im Zuge der durch die COVID-Pandemie gebeutelten Staatshaushalte überhaupt noch möglich sind. Höhere Zinsen sowie der gesunkene EUR-Dollar-Kurs verteuern außerdem viele EE-Projekte. Im Falle eines kompletten Gas-Lieferstopps dürfte Deutschland in eine Rezession rutschen.

Durch den rasanten Anstieg der Energiepreise hat sich das Konsumklima bereits eingetrübt, was sich negativ auf die Dienstleistungsbranche auswirken wird. Zumindest beim diesjährigen Sommerurlaub möchte man aber nicht sparen.

80 Prozent aller Photovoltaik-Module weltweit werden in China gefertigt. Die Abhängigkeit ist hier also noch wesentlich ausgeprägter als bei russischem Erdgas. Der Aufbau eigener Produktionskapazitäten dürfte Jahre in Anspruch nehmen. Mittelfristig stellt sich die Frage, ob man alte Abhängigkeiten durch neue Abhängigkeiten in “eher autokratisch” regierten Ländern tauscht – gleiches trifft auch auf die geplanten LNG-Lieferungen aus Nahost zu. Ähnliche Abhängigkeiten bestehen im Bereich elektronischer Komponenten, seltenen Erden und Chips für die Leistungselektronik erneuerbarer Energieanlagen.

Zusammenfassung & Fazit

Kurzfristig wird es energie- und gesamtwirtschaftlich mehr Verlierer als Gewinner geben: Verbraucher, Stadtwerke (Kommunen), Industrie und Staat werden – unabhängig vom Worst-Case-Szenario eines kompletten Gaslieferstopp aus Russland – auch in den nächsten Jahren deutlich mehr Geld für die Energiebeschaffung ausgeben müssen. Egal, ob es sich dabei um Wärme, Strom, Mobilität oder die Rettung derzeit kritischer Gas-Infrastrukturbetreiber/händler handelt.

Privatverbraucher und Industrie müssen sich im Durchschnitt für die nächsten zwei bis drei Jahre auf eine (mindest) Verdoppelung bis Verdreifachung ihrer Energiepreise (Strom, (Prozess)Wärme) einstellen. Hohe Preise regen zwar Energiesparmaßnahmen oder den Wechsel auf alternative Energieträger an, diese reichen kurzfristig jedoch nicht aus, um den massiven Preisanstieg zu kompensieren. Die hohen Preise gefährden kurzfristig die internationale Konkurrenzfähigkeit der energieintensiven Industrie. Die Politik muss zeitnah Antworten auf die sozialen Dimensionen der Energiepreisexplosion für den Herbst 2022 finden, ohne dabei die Mittelschicht und den Mittelstand zu überlasten.

Photovoltaik und Windkraft wirken zwar bereits heute preisdämpfend, aber ein flächendeckender, realistischer Rollout-Boom inklusive der zugehörigen Stromnetzinfrastruktur wird trotz neuer Gesetze Jahre dauern. Der Fachkräftemangel im Bereich des Handwerks wirkt hier zusätzlich limitierend. Perspektivisch ist für die Wintermonate zusätzlich ein weiterer Ausbau der Offshore-Windkraft mit vergleichsweiser konstanter Einspeisung notwendig. Das derzeitige Ausbautempo reicht bei weitem nicht aus. In diesem Zusammenhang muss der Ausbau von Nord-Süd-Stromtrassen erheblich beschleunigt und ausgeweitet werden.

Mittelfristig bieten die hohen Preise auch Chancen: Eine gesteigerte Energieeffizienz durch den Einsatz von Wärmepumpen, Elektromobilität und Energieeinsparmaßnahmen, ein intensivierter Netzausbau sowie ein massiver Ausbau erneuerbarer Energien kann den Primärenergieeinsatz in den nächsten 20 Jahren nahezu halbieren und damit für langfristig stabile Preise bei deutlich verringerter Importabhängigkeit sorgen. Strom wird dabei der dominierende Energieträger sein.

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