
DIW Konjunkturbarometer 2026: Architektur, Historie und makroökonomische Bedeutung
Die präzise Vermessung der gesamtwirtschaftlichen Dynamik ist eine der zentralen Herausforderungen der modernen Makroökonomie. Volkswirtschaften sind hochkomplexe, non-lineare Systeme, deren aggregierter Zustand sich stetig durch das simultane Zusammenwirken von Millionen von Einzelentscheidungen der Konsumenten, der Unternehmen und der staatlichen Akteure verändert. Um diese multidimensionalen und oft asynchron verlaufenden Prozesse in einem einzigen, interpretierbaren Signal zu bündeln, greift die empirische Wirtschaftsforschung auf hochaggregierte mathematisch-statistische Indikatoren zurück. Eines der profiliertesten, verlässlichsten und historisch fundiertesten Instrumente in diesem akademischen und wirtschaftspolitischen Kontext ist das Konjunkturbarometer des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin).
Das DIW Konjunkturbarometer fungiert als entscheidender Früh- und Präsenzindikator, der die aktuelle konjunkturelle Lage sowie die unmittelbare wirtschaftliche Tendenz in der Bundesrepublik Deutschland abbildet und dabei methodisch eng an die Wachstumsrate des realen Bruttoinlandsprodukts (BIP) gekoppelt ist.1 Da die offiziellen Daten des Statistischen Bundesamtes (Destatis) zur volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung systembedingt durch komplexe Erhebungs- und Konsolidierungsprozesse oft erst mit einer signifikanten Verzögerung von mehreren Monaten vorliegen, füllt das Barometer eine kritische zeitliche Leerstelle in der wirtschaftspolitischen Steuerung.1 Es ermöglicht politischen Entscheidungsträgern, den Zentralbanken, den Tarifparteien und den privatwirtschaftlichen Akteuren eine datenbasierte Beurteilung der volkswirtschaftlichen Gegenwart, noch bevor diese zur verifizierten statistischen Historie wird.1
Dieser umfassende Forschungsbericht liefert eine tiefgreifende und erschöpfende Analyse des DIW Konjunkturbarometers, die sich ausdrücklich auch an ein interessiertes Laienpublikum richtet, ohne dabei die notwendige akademische Präzision zu vernachlässigen. Die Untersuchung spannt den Bogen von den historischen Wurzeln der empirischen Konjunkturforschung in der Weimarer Republik über die mathematisch-statistische Methodik der dimensionsreduzierenden Datenanalyse in der Gegenwart bis hin zu einer jahresscharfen, detaillierten chronologischen Einordnung der deutschen Wirtschaftsgeschichte seit 1991. Darüber hinaus werden alternative Konjunkturmodelle auf nationaler und internationaler Ebene komparativ kontrastiert, die weitreichende sozioökonomische Bedeutung solcher Prognosemodelle für Gesellschaft und Tarifparteien analysiert und abschließend eine fundierte Prognose der wirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland für die kommenden Jahre 2026 und 2027 abgeleitet.
Die historische Evolution der Konjunkturforschung am DIW Berlin
Die Genese des DIW Konjunkturbarometers ist untrennbar mit der faszinierenden und teils von extremen politischen Brüchen gezeichneten Geschichte der empirischen Wirtschaftsforschung in Deutschland verbunden. Die wissenschaftliche Notwendigkeit, konjunkturelle Zyklen nicht nur theoretisch in Lehrbüchern zu beschreiben, sondern datengestützt zu messen, zu quantifizieren und zu prognostizieren, entsprang den massiven wirtschaftlichen Verwerfungen und Krisen des frühen zwanzigsten Jahrhunderts.
Die institutionelle Keimzelle dieser Entwicklung datiert auf den Juli des Jahres 1925. In dieser Zeit gründete der renommierte Ökonom Ernst Wagemann, der zeitgleich das Amt des Präsidenten des Statistischen Reichsamtes bekleidete, das “Institut für Konjunkturforschung” (IfK) in Berlin-Charlottenburg.2 Dieses Institut bildet den direkten institutionellen und geistigen Vorläufer des heutigen DIW Berlin.2 Die Gründung erfolgte in einer Ära, in der die empirische Wirtschaftsforschung global massiv an Bedeutung gewann. Eine maßgebliche Inspirationsquelle für Wagemann und seinen wissenschaftlichen Stab war das sogenannte “Harvard-Barometer”, ein in den Vereinigten Staaten von Amerika entwickeltes Instrument, das erstmals den Versuch unternahm, Vorlauf-, Präsenz- und Nachlauf-Indikatoren der Wirtschaft systematisch voneinander zu trennen und statistisch zu erfassen.2 Das IfK war in der deutschen Forschungslandschaft der Weimarer Republik absolut einzigartig, da es außeruniversitär organisiert war und durch eine beispiellose, breite gesellschaftliche Allianz aus staatlichen Institutionen, Wirtschafts- und Industrieverbänden sowie den Gewerkschaften finanziert wurde.2 Das übergeordnete Ziel dieser Bemühungen bestand darin, wirtschaftliche Entwicklungen objektiv zu beobachten, um der Politik und der Privatwirtschaft evidenzbasierte Handlungsempfehlungen für die Stabilisierung der hochgradig volatilen Nachkriegsökonomie zu geben.
Ein früher, bis in die heutige Zeit extrem relevanter Meilenstein dieser angewandten Forschung war die Entdeckung des sogenannten “Schweinepreiszyklus” durch den jungen Agrarökonomen Arthur Hanau im Jahr 1927.2 Hanau widerlegte in seiner wegweisenden Dissertation die damalige landläufige Annahme, Preisschwankungen am Schweinemarkt seien rein saisonal bedingt, etwa durch eine höhere Nachfrage in den Sommermonaten in den Ostseebädern. Er bewies anhand von tiefgehenden Preisstatistiken der Jahre 1896 bis 1927, dass die Schwankungen das Resultat eines regelmäßigen, drei- bis vierjährigen Konjunkturzyklus waren.2 Dieser Zyklus entstand durch die zeitliche Verzögerung von etwa achtzehn Monaten zwischen der anfänglichen Investitionsentscheidung der Landwirte bei hohen Ferkelpreisen und dem späteren Markteintritt der schlachtreifen Tiere, was unweigerlich zu einem massiven Überangebot und einem anschließenden Preisverfall führte.2 Dieses “Spinnenweb-Theorem” (Cobweb-Theorem) gilt in der ökonomischen Theorie bis heute als das absolute Paradebeispiel für konjunkturelle Phänomene, die durch Reaktionsverzögerungen von Angebot und Nachfrage entstehen. Der Mechanismus lässt sich in der modernen Makroökonomie mühelos auf komplexe Industriezyklen übertragen, beispielsweise auf die von langen Vorlaufzeiten geprägte Bauwirtschaft oder die globale Halbleiterindustrie, in der Investitionen in neue Chipfabriken erst Jahre später zu einem massiven Angebotsschub auf dem Weltmarkt führen.2
Um die gewonnenen volkswirtschaftlichen Erkenntnisse zeitnah zu disseminieren und in den politischen Diskurs einzubringen, etablierte das Institut ab dem Jahr 1928 die sogenannten “Wochenberichte” – ein Publikationsformat, das bis in die Gegenwart fortgeführt wird.2 Während der verheerenden Weltwirtschaftskrise ab dem Jahr 1929 profilierte sich das IfK durch überaus präzise und schonungslose Analysen der Deflationsspirale. Im Jahr 1932 erregte der “Wagemann-Plan” großes Aufsehen, der – quasi als früher Vorläufer späterer keynesianischer Konjunkturprogramme – eine hochgradig aktive, staatliche Konjunkturpolitik und die gezielte Ausweitung des Geldvolumens forderte, um die wirtschaftliche Depression und die Massenarbeitslosigkeit zu durchbrechen.2 Im exakt selben Jahr identifizierte und definierte das Institut zudem das Phänomen der “Stillen Reserve” am Arbeitsmarkt, welches beschreibt, dass das tatsächliche, erwerbsorientierte Arbeitskräftepotenzial in einer Volkswirtschaft deutlich höher ausfällt als die offiziell bei den Ämtern registrierte Arbeitslosigkeit.2
Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahr 1933 erlebte das Institut jedoch das dunkelste und moralisch verwerflichste Kapitel seiner Geschichte. Das Institut und sein Leiter Ernst Wagemann passten sich dem totalitären NS-Regime rasant an; Wagemann selbst trat der NSDAP bei, um seine Position und den Einfluss des Instituts zu sichern.2 Die unabhängige, freiheitliche Konjunkturforschung wurde in den Folgejahren sukzessive durch kriegswirtschaftliche Auftragsforschung und rüstungspolitische Planungsaufgaben ersetzt. Im Jahr 1938 wurde eine spezielle Industrieabteilung unter der Leitung des Ökonomen Rolf Wagenführ eingerichtet.2 Diese Abteilung entwickelte Methoden der wirtschaftlichen Verflechtungsanalyse, die als frühe Formen der Input-Output-Rechnung betrachtet werden können, welche unmittelbar in die Logistik und die Rüstungsplanung des nationalsozialistischen Regimes einflossen.2 Im Juni 1941 wurde das Institut schließlich offiziell in “Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung” (DIW) umbenannt.2 Die Forschungsarbeiten des DIW trugen in dieser düsteren Epoche aktiv zur wirtschaftlichen Planung des Vernichtungskrieges bei, einschließlich tiefgehender statistischer Analysen zur landwirtschaftlichen Ausbeutung besetzter Gebiete in Osteuropa, die den mörderischen “Hungerplan” stützten, sowie der bürokratischen Kalkulation der Ausbeutung von Zwangsarbeitern und KZ-Insassen.2 Diese tiefe institutionelle Verstrickung in die Verbrechen des NS-Staates wird aktuell in einem umfassenden, dreijährigen Forschungsprojekt in Kooperation mit dem Historischen Institut der Universität Stuttgart, welches im Frühjahr 2025 begann, wissenschaftlich schonungslos aufgearbeitet.2
Nach der faktischen Auflösung im Jahr 1945 erlebte das DIW unter der neuen Leitung von Ferdinand Friedensburg einen demokratischen Neuanfang im geteilten Berlin.2 Das Institut etablierte sich rasch wieder als führende Stimme der empirischen Forschung, begleitete das sogenannte “Wirtschaftswunder” der westdeutschen Nachkriegszeit, analysierte die gravierenden Auswirkungen der globalen Ölpreisschocks in den 1970er Jahren und begleitete wissenschaftlich den immensen, historisch beispiellosen Strukturwandel der deutschen Wiedervereinigung ab dem Jahr 1990.2
Obwohl die Tradition der makroökonomischen Konjunkturbeobachtung tief in der intellektuellen DNA des Instituts verwurzelt war, wurde das spezifische Format des “DIW-Konjunkturbarometers”, wie es heute in den Medien und der Wissenschaft bekannt ist, erst im Jahr 2003 offiziell als standardisierter monatlicher beziehungsweise quartalsweiser Indikator eingeführt.2 Eine extrem entscheidende methodische Weiterentwicklung und Anpassung an die Moderne fand Ende des Jahres 2021 statt: Während das Barometer bis einschließlich Dezember 2021 vorwiegend auf Quartalsbasis berechnet und publiziert wurde, stellte das DIW die Darstellung und Berechnung auf eine hochfrequente monatliche Basis um.1 Diese Erhöhung der Taktung war eine zwingende Reaktion auf die extrem zunehmende Volatilität der globalisierten Wirtschaft. Dieses Erfordernis wurde durch die rasanten, beispiellosen konjunkturellen Einbrüche und sofortigen Erholungen während der COVID-19-Pandemie im Jahr 2020 eindrucksvoll demonstriert, in denen quartalsweise aggregierte Daten schlichtweg zu träge und retrospektiv waren, um staatliche Kriseninterventionen und Unternehmensentscheidungen in Echtzeit rechtzeitig und datengestützt zu steuern.
Methodik und architektonisches Konzept des DIW Konjunkturbarometers
Um zu verstehen, warum das DIW Konjunkturbarometer ein so überaus mächtiges, verlässliches und viel zitiertes Instrument für makroökonomische Laien und Experten gleichermaßen ist, muss die zugrundeliegende, hochkomplexe statistische Methodik im Detail betrachtet werden. Die zentrale Herausforderung jeder Konjunkturmessung besteht darin, das sogenannte statistische “Rauschen” – also temporäre, irrelevante Schwankungen, Sondereffekte oder Messfehler – vom eigentlichen, reinen “Signal”, also dem fundamentalen konjunkturellen Trend der Gesamtwirtschaft, zu trennen. Das DIW löst dieses Problem durch eine Kombination aus extrem breiter Datenabdeckung und fortgeschrittener mathematischer Dimensionsreduktion.
Die architektonische Basis des Barometers stützt sich auf eine extrem breite und tiefe Datengrundlage, um strikt zu verhindern, dass singuläre Ereignisse in einer einzelnen Branche das gesamtwirtschaftliche Bild verzerren. Monatlich fließen exakt 311 verschiedene, sorgfältig kuratierte Variablen in das Rechenmodell des Instituts ein.1 Diese 311 Variablen repräsentieren ein breites Spektrum, das sowohl weiche Daten (wie beispielsweise umfragebasierte Stimmungsindikatoren von Unternehmenslenkern) als auch harte Daten (wie tatsächliche, physische Produktionszahlen oder monetäre Auftragseingänge) umfasst. Um die Struktur der deutschen Wirtschaft adäquat abzubilden, sind die 311 Indikatoren in vier gewichtige ökonomische Sektoren unterteilt.
Der erste Sektor umfasst die Industrie und Produktion, in den 134 spezifische Datenreihen einfließen.1 Dieser Block ist für die historisch stark exportorientierte und industriell geprägte deutsche Wirtschaft traditionell von allerhöchster Bedeutung. Er aggregiert Daten zu Auftragseingängen aus dem In- und Ausland, industrielle Produktionsindizes der verschiedenen Branchen, die Auslastung der Maschinenkapazitäten sowie die konkreten Geschäftserwartungen aus dem Verarbeitenden Gewerbe.1 Der zweite, noch umfangreichere Sektor widmet sich den Dienstleistungen und integriert 141 Datenreihen.1 Die leicht höhere Anzahl der Variablen in diesem Sektor spiegelt den massiven und anhaltenden Strukturwandel Deutschlands hin zu einer modernen Dienstleistungsgesellschaft wider, in der immaterielle Wertschöpfung zunehmend das Bruttoinlandsprodukt dominiert. Hier fließen Umsatzzahlen und Stimmungsindikatoren aus dem Einzel- und Großhandel, der Logistikbranche, dem Gastgewerbe sowie den überaus wichtigen finanz- und unternehmensnahen Dienstleistungen ein.1 Der dritte Sektor fokussiert sich mit 31 Datenreihen auf den Arbeitsmarkt.1 Variablen wie die Zahl der Erstanträge auf Arbeitslosengeld, die Anzahl der bei der Bundesagentur für Arbeit gemeldeten offenen Stellen sowie die Inanspruchnahme von Kurzarbeit dienen hier als klassische Präsenz- oder oft auch Nachlaufindikatoren, die den konjunkturellen Zustand in der breiten Gesellschaft verankern.1 Komplettiert wird das Modell durch den vierten Sektor, die Aktienmärkte, in den fünf hochselektive Datenreihen einfließen.1 Finanzmarktdaten sind in der makroökonomischen Modellierung in der Regel hochsensible Frühindikatoren, da Aktienkurse nicht die Gegenwart, sondern die diskontierten zukünftigen Gewinnerwartungen der Unternehmen abbilden. Sie reagieren oft viele Monate, bevor sich eine Krise physisch in der Realwirtschaft manifestiert.1
Die intellektuelle und mathematische Meisterleistung des Barometers liegt nun in der Synthese dieser Datenmassen. Wie verdichtet man 311 teils völlig widersprüchliche Signale – beispielsweise wenn in einem bestimmten Monat die Auftragseingänge in der Automobilindustrie massiv sinken, die Umsätze im stationären Einzelhandel aber gleichzeitig durch einen starken privaten Konsum steigen – zu einer einzigen, klaren und aussagekräftigen Zahl? Das DIW nutzt hierfür ein fortgeschrittenes statistisches Verfahren der Dimensionsreduktion, das in der Fachsprache als Hauptkomponentenanalyse (Principal Component Analysis, PCA) beziehungsweise als dynamische Faktoranalyse bezeichnet wird.1
Laienhaft ausgedrückt sucht die Hauptkomponentenanalyse kontinuierlich nach dem größten gemeinsamen Nenner im scheinbaren Datenchaos. Man kann sich den Algorithmus wie einen Dirigenten vorstellen, der aus der Kakophonie von 311 einzelnen Instrumenten die zugrundeliegende, gemeinsame Melodie heraushört. Wenn sich die große Mehrheit der 311 Indikatoren in eine ähnliche Richtung bewegt, identifiziert der Algorithmus dies als den dominanten konjunkturellen Trend. In der ökonometrischen Praxis erfolgt diese komplexe Berechnung streng zweistufig. Zunächst werden für jeden der vier genannten Sektoren eigenständige Subindizes gebildet. Der Algorithmus gewichtet die einzelnen Datenreihen dabei völlig objektiv, emotionslos und rein mathematisch gesteuert.1 Eine Variable erhält in diesem Modell genau dann ein hohes Gewicht für die Berechnung, wenn sie historisch eine hohe Übereinstimmung mit der Gesamtentwicklung des Sektors aufweist. Indikatoren mit geringer Prognosegüte oder extremen statistischen Ausreißern werden mathematisch an den Rand gedrängt. Die Subindizes weisen nach der Berechnung den geringsten mittleren quadratischen Abstand zu allen Reihen des jeweiligen Bereichs auf, sie bilden also die mathematisch perfekte Mitte der Sektorbewegung.1 Im finalen, zweiten Schritt wird das Gesamtbarometer als gewichtete Summe aus diesen vier bereinigten Subindizes gebildet.1
Die Interpretation und Skalierung des Barometers ist dabei bewusst so gestaltet, dass sie für die Öffentlichkeit intuitiv ablesbar ist. Der mittlere, absolute Neutralwert des Barometers liegt bei exakt 100 Punkten.1 Es ist ein weit verbreiteter Irrglaube unter Laien, dass dieser Wert von 100 eine wirtschaftliche Stagnation oder ein Nullwachstum markiert. Tatsächlich repräsentiert die 100-Punkte-Marke eine absolut durchschnittliche konjunkturelle Lage. Historisch gesehen entspricht ein Barometerwert von 100 einem realen Quartalswachstum des deutschen Bruttoinlandsprodukts von etwa einem Drittel Prozent (ca. 0,33 %).1 Werte, die deutlich über der Marke von 100 liegen, signalisieren folglich eine florierende Hochkonjunktur, einen Boom und eine überdurchschnittliche Auslastung der volkswirtschaftlichen Produktionskapazitäten. Werte, die deutlich unter der Marke von 100 liegen, weisen hingegen unmissverständlich auf eine konjunkturelle Abkühlung, eine Unterauslastung des Potenzials oder gar eine ausgewachsene Rezession hin.1 Die wissenschaftliche Validität dieses komplexen Modells ist empirisch über Jahrzehnte belegt: Der Korrelationskoeffizient zwischen den monatlichen Werten des Konjunkturbarometers und den tatsächlichen, erst viel später vom Statistischen Bundesamt veröffentlichten Wachstumsraten des realen Bruttoinlandsprodukts liegt bei 0,74.1 In der empirischen Makroökonomie stellt ein Korrelationskoeffizient von 0,74 einen außerordentlich starken, verlässlichen statistischen Zusammenhang dar, der die immense Prognosegüte des DIW-Modells unterstreicht.
Ein unverzichtbarer Aspekt für das tiefe Verständnis solcher ökonometrischer Modelle ist die Tatsache, dass sich die historischen Werte in den Datenbanken nachträglich verändern können. Diese sogenannten Datenrevisionen stiften bei Laien oft Verwirrung, sind aber ein Zeichen höchster wissenschaftlicher Sorgfalt. Sie entstehen primär aus zwei Gründen: Erstens korrigieren die Zulieferer der primären Datenquellen, wie das Statistische Bundesamt, ihre vorläufigen Schnellmeldungen für Auftragseingänge oder Produktionsausstoß oft Wochen oder Monate später signifikant, wenn die vollständigen und geprüften Meldungen der Unternehmen aus der Fläche vorliegen.1 Das Barometer aktualisiert seine Historie mit diesen nun präziseren Daten. Zweitens führt das DIW Berlin mindestens einmal jährlich eine systematische, vollständige Neukalibrierung des gesamten Modells durch. Hierbei lässt der Algorithmus die relative Gewichtung aller 311 Variablen neu berechnen. Dies ist zwingend erforderlich, um zu gewährleisten, dass das mathematische Modell fundamentale Strukturbrüche in der realen Wirtschaft – wie beispielsweise den plötzlichen Wegfall russischer Energieimporte im Jahr 2022 oder den technologischen Wandel in der Autoindustrie – adaptiert und nicht blind auf veralteten, nicht mehr relevanten statistischen Mustern der Vergangenheit beharrt.1
DIW Konjunkturbarometer 2026: Die Amplitude der Konjunkturzyklen
Um die reinen numerischen Indexwerte in eine erfassbare visuelle Metrik zu überführen, stellt die folgende grafische Repräsentation die prozentuale Abweichung des durchschnittlichen Jahres-Konjunkturbarometers von der neutralen 100-Punkte-Marke dar. Die Grafik visualisiert die Intensität, die Dauer und die Volatilität der historischen Konjunkturzyklen eindrücklich, basierend auf den Rohdaten des Instituts.3
DIW Konjunkturbarometer (Jahresdurchschnitt): Abweichung von der 100-Punkte-Marke (Neutralwert)

Anmerkung zur Grafik: Die Balkenlänge korrespondiert mit der prozentualen Abweichung vom Neutralwert 100. Die drastischen negativen Ausschläge der Jahre 2008 (Finanzkrise), 2020 (Pandemie) und insbesondere 2022 (Energiekrise) illustrieren unmissverständlich die wachsende Anfälligkeit der hochgradig exportabhängigen deutschen Wirtschaft gegenüber exogenen globalen Schocks.
Jahresscharfe Einordnung der deutschen Konjunktur (1991–2025)
Die lange, ununterbrochene Zeitreihe des DIW Konjunkturbarometers bietet ein faszinierendes, elektrokardiogramm-ähnliches Bild der deutschen Wirtschaftsgeschichte der letzten dreieinhalb Jahrzehnte. Die Rohdaten spiegeln tiefgreifende strukturelle Transformationen, externe geopolitische Schocks und fiskalpolitische Paradigmenwechsel mit höchster Präzision wider.
Die folgende detaillierte Tabelle aggregiert die monatlichen Indexwerte des DIW Konjunkturbarometers aus dem vorliegenden Datensatz 3 zu aussagekräftigen Jahresdurchschnittswerten und verknüpft diese in einer narrativen Synthese mit den zentralen makroökonomischen und weltpolitischen Ereignissen des jeweiligen Jahres.
| Jahr | Barometerwert (Jahresdurchschnitt) | Makroökonomische Einordnung & Zentrale Wirtschaftsereignisse |
| 1991 | 93,4 | Wiedervereinigungsboom und Strukturkollaps im Osten: Das erste Jahr des wiedervereinigten Deutschlands ist geprägt von einer extremen wirtschaftlichen Dualität. Während massive staatliche Steuertransfers und das milliardenschwere Förderprogramm “Gemeinschaftswerk Aufschwung Ost” die Binnennachfrage und die Bauwirtschaft im Westen zu einem historischen Boom befeuern, kollabiert die ehemals planwirtschaftlich organisierte Industrie der neuen Bundesländer fast vollständig.4 Zur Finanzierung der historischen Einheitenslasten wird der Solidaritätszuschlag in der Bundesrepublik eingeführt.4 Der durchschnittliche Barometerwert von 93,4 spiegelt den beginnenden Abschwung im Westen zum Jahresende wider, als die Zinsen zur Inflationsbekämpfung steigen.3 |
| 1992 | 88,2 | Ernüchterung und europäische Währungskrise: Der künstlich erzeugte Wiedervereinigungsboom ebbt dramatisch ab. Die Deutsche Bundesbank sieht sich aufgrund der hohen staatlichen Neuverschuldung und der steigenden Inflation gezwungen, die Leitzinsen auf historische Höchststände anzuheben, was die Investitionstätigkeit massiv abwürgt. Erschwerend kommt die schwere Krise im Europäischen Währungssystem (EWS) hinzu, die den Exportmarkt destabilisiert. Das Barometer stürzt im letzten Quartal auf tiefe 85,6 Punkte ab.3 |
| 1993 | 91,4 | Rezessionstief und langsame, schmerzhafte Erholung: Deutschland erlebt die tiefste strukturelle Krise der westdeutschen Industrie seit dem Zweiten Weltkrieg. Der Barometerwert markiert im Frühjahr einen absoluten Tiefpunkt bei 84,3 Punkten, begleitet von massiven Entlassungswellen in der verarbeitenden Industrie.3 Erst durch drastische Kostensenkungsprogramme der Unternehmen und langsam wieder anziehende Exporte in die USA und Asien beginnt sich die Lage zum Jahresende leicht zu stabilisieren. |
| 1994 | 104,6 | Exportgetriebener Aufschwung und Rationalisierungsgewinne: Die deutsche Konjunktur springt nach der tiefen Rezession massiv an. Ein kräftiger globaler Wirtschaftsaufschwung und die schmerzhaften, aber effektiven Rationalisierungsmaßnahmen der deutschen Industrie in den Vorjahren führen zu einem extrem starken Anstieg des Barometers, das im vierten Quartal exorbitante Werte von über 109 Punkten erreicht.3 Die Wettbewerbsfähigkeit ist auf dem Weltmarkt wiederhergestellt. |
| 1995 | 99,7 | Der Aufwertungs-Schock: Der Aufschwung wird abrupt gebremst. Eine drastische Aufwertung der D-Mark gegenüber dem US-Dollar und anderen europäischen Währungen verteuert deutsche Exporte schlagartig und erheblich auf dem Weltmarkt. Das Wirtschaftswachstum verflacht spürbar, und das DIW Barometer sinkt im Jahresverlauf stetig zurück auf die neutrale 100-Punkte-Marke, begleitet von erneuter Stagnation in der exportabhängigen Industrie.3 |
| 1996 | 103,1 | Neue Dynamik durch Zinssenkungen: Signifikante Zinsersparnisse, bedingt durch eine expansivere Geldpolitik, sowie eine Normalisierung der internationalen Wechselkurse lassen die Exportwirtschaft wieder aufatmen. Das Jahr ist durch ein solides, leicht überdurchschnittliches Wachstum geprägt, das sich kontinuierlich über alle Quartale hinweg stabilisiert.3 |
| 1997 | 106,4 | Die Asienkrise als Randerscheinung: Trotz der schweren Finanz- und Währungskrise, die große Teile der asiatischen Tigerstaaten erschüttert, bleibt die deutsche Wirtschaft erstaunlich robust. Sie wird gestützt durch eine starke Binnennachfrage und die massiven Vorbereitungen der Unternehmen auf die bevorstehende Europäische Währungsunion. Das Barometer klettert im dritten Quartal auf starke 108,4 Punkte.3 |
| 1998 | 103,8 | Regierungswechsel und globale Finanzmarktturbulenzen: Der Übergang von der Ära Kohl zur rot-grünen Regierung unter Gerhard Schröder geht einher mit schweren Turbulenzen auf den globalen Finanzmärkten, ausgelöst durch den Staatsbankrott Russlands und den Beinahe-Kollaps des gigantischen US-Hedgefonds LTCM.3 Diese Unsicherheiten dämpfen die Stimmung im letzten Quartal merklich, der Index fällt auf 100,2.3 |
| 1999 | 108,3 | Geburt des Euro und der “New Economy” Boom: Am 1. Januar 1999 wird der Euro als Buchgeld in elf europäischen Staaten eingeführt, was die Wechselkursrisiken für den deutschen Export drastisch minimiert.4 Parallel dazu treibt die beginnende Euphorie rund um das Internet und die Telekommunikationstechnologie (Dotcom-Boom) die Investitionen der Unternehmen und die Aktienmärkte auf beispiellose Rekordhochs.4 |
| 2000 | 108,4 | Der Peak der Dotcom-Blase und ihr Platzen: Das Millenniums-Jahr beginnt extrem stark, das Barometer notiert im zweiten Quartal über 112 Punkten.3 Im weiteren Jahresverlauf platzt jedoch die gigantische Technologieblase an den globalen Börsen. Die vernichteten Buchwerte führen zu einem Investitionsstopp. Dies schlägt sich im vierten Quartal in einem rapiden Einbruch des realwirtschaftlichen Barometers auf 103,4 Punkte nieder.3 |
| 2001 | 95,2 | Globale Rezession und der 11. September: Die massiven Nachwehen der geplatzten Spekulationsblase und die verheerenden Terroranschläge vom 11. September in den USA versetzen der gesamten Weltwirtschaft einen tiefen psychologischen und realen Schock. Die Unsicherheit ist allgegenwärtig, Deutschland rutscht in die wirtschaftliche Stagnation und das Barometer verharrt das gesamte Jahr weit unter der neutralen Linie.3 |
| 2002 | 99,1 | Euro-Bargeldeinführung und der “Kranke Mann Europas”: Trotz der reibungslosen Einführung des Euro-Bargelds leidet Deutschland tiefgreifend unter schwachem Wachstum, extrem hoher und verfestigter struktureller Arbeitslosigkeit sowie unzureichenden Binneninvestitionen.4 Die Bundesrepublik wird international in der Presse vielfach als der “kranke Mann Europas” tituliert. Das Barometer bleibt fast durchgehend leicht unter 100.3 |
| 2003 | 101,2 | Die Ankündigung der Agenda 2010: Angesichts der dramatischen Arbeitsmarktlage verkündet Bundeskanzler Schröder tiefgreifende, historisch beispiellose Arbeitsmarkt- und Sozialreformen (Agenda 2010). Während die Maßnahmen politisch hochumstritten sind, honorieren die Märkte die Reformbereitschaft. Im Herbst beginnt das Barometer erstmals seit Jahren wieder deutlich und nachhaltig positiv in den Wachstumsbereich auszuschlagen.3 |
| 2004 | 105,6 | Erfolge der Restrukturierung und der China-Boom: Die globale Weltwirtschaft zieht massiv an, insbesondere getrieben durch das rasante, zweistellige Wirtschaftswachstum in China, welches einen gigantischen Hunger nach deutschen Maschinen und Anlagen entwickelt. Die deutsche Industrie profitiert von diesem Nachfrageschub überproportional, das Wirtschaftswachstum verstetigt sich auf einem hohen Niveau.3 |
| 2005 | 106,7 | Hartz IV tritt in Kraft und entfaltet Wirkung: Die umstrittenen Arbeitsmarktreformen treten vollumfänglich in Kraft und erhöhen die Flexibilität des Arbeitsmarktes drastisch. Gleichzeitig macht die jahrelange, schmerzhafte Lohnzurückhaltung der deutschen Gewerkschaften in den Vorjahren deutsche Produkte auf dem Weltmarkt extrem wettbewerbsfähig. Das Barometer steigt zum Jahresende auf knapp 110 Punkte.3 |
| 2006 | 108,6 | Das “Sommermärchen” und der Export-Boom: Ein extrem starkes, dynamisches Jahr für die gesamte deutsche Wirtschaft. Die Ausrichtung der Fußball-Weltmeisterschaft (“Sommermärchen”) befeuert die psychologische Stimmung und die Binnennachfrage im Gastgewerbe und Handel massiv. Gleichzeitig boomt der weltweite Export in beispielloser Weise. Das Barometer erreicht im zweiten Quartal exorbitante Werte von fast 114 Punkten.3 |
| 2007 | 103,8 | Die Vorbeben der globalen Finanzkrise: Das reale Wirtschaftswachstum bleibt im ersten Halbjahr sehr solide, doch im Sommer beginnt sich die US-Subprime-Krise auf dem Immobilienmarkt drastisch zuzuspitzen. Erste deutsche Banken, die sich in US-Papieren verspekuliert haben (wie die IKB oder die Sachsen LB), straucheln und müssen gerettet werden. Diese aufkommende Unsicherheit im Finanzsektor drückt das Barometer zum Jahresende.3 |
| 2008 | 88,5 | Der Lehman-Schock und der globale Absturz: Nach der spektakulären Insolvenz der US-Investmentbank Lehman Brothers im September kollabiert der globale Interbankenmarkt fast vollständig; der Welthandel friert buchstäblich ein. Das vierte Quartal markiert einen historischen, beispiellosen Absturz des deutschen Exportmodells. Das Barometer stürzt im Dezember auf katastrophale 70,6 Punkte ab.3 |
| 2009 | 93,6 | Die Große Rezession und das massive Gegensteuern: Im ersten Quartal erreicht das Barometer mit 62,7 Punkten den absoluten, historischen Tiefpunkt der gesamten Zeitreihe.3 Die Bundesregierung steuert massiv antizyklisch gegen: Durch milliardenschwere Konjunkturpakete, die Einführung der Umweltprämie (“Abwrackprämie”) zur Stützung der Autoindustrie und den massiven Einsatz von Kurzarbeit wird ein Kollaps des Arbeitsmarktes verhindert. Ab Sommer setzt eine extrem steile, V-förmige Erholung ein.3 |
| 2010 | 111,6 | Deutschlands Mega-Comeback: Ein historisches, weltweit bewundertes Aufholwachstum. Die Industrie füllt ihre in der Krise geleerten Lager in Rekordtempo wieder auf, die Exporte insbesondere nach Asien explodieren förmlich. Das Barometer erreicht Allzeithochs von knapp 118 Punkten im zweiten Quartal, Deutschland etabliert sich endgültig als die unangefochtene “Konjunkturlokomotive” Europas.3 |
| 2011 | 101,0 | Die europäische Staatsschuldenkrise bricht aus: Die Freude über den Aufschwung währt nur kurz. Die Sorge um die staatliche Solvenz von Griechenland, Irland und Portugal eskaliert und greift bedrohlich auf die Kernländer Italien und Spanien über. Die immense Unsicherheit über den Fortbestand der Eurozone drückt die realwirtschaftliche Stimmung und die Investitionsbereitschaft in Europa drastisch.3 |
| 2012 | 95,2 | “Whatever it takes”: Die Eurokrise erreicht ihren absoluten, dramatischen Höhepunkt. Erst die historische verbale Intervention des damaligen EZB-Präsidenten Mario Draghi (“Whatever it takes to preserve the euro”) beruhigt die panischen Finanzmärkte. Die reale Wirtschaft in Deutschland leidet jedoch das gesamte Jahr unter der schwachen Exportnachfrage aus den rezessiven südeuropäischen Staaten.3 |
| 2013 | 99,9 | Stabilisierung im Nullzinsumfeld: Die Eurozone beruhigt sich institutionell. Die Binnennachfrage in Deutschland rückt als primärer Wachstumsmotor in den Fokus und stützt die Konjunktur angesichts einer rekordhohen Beschäftigung und steigender Löhne. Die EZB beginnt die Ära der Null- und Negativzinsen, was den Immobiliensektor massiv stimuliert.3 |
| 2014 | 98,4 | Erste geopolitische Risse im System: Die völkerrechtswidrige Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim durch Russland und die anschließenden westlichen Sanktionen dämpfen die zuvor optimistischen Exporterwartungen der deutschen Industrie leicht. Insgesamt verläuft das Jahr in einer flachen, leicht unterdurchschnittlichen, aber stabilen Seitwärtsbewegung der Konjunktur.3 |
| 2015 | 98,0 | Migrationsbewegung stützt den Binnenkonsum: Ein starker Zustrom von Geflüchteten nach Deutschland führt zu massiven, ungeplanten staatlichen Konsumausgaben (für Unterbringung, Verpflegung und Integration). Dieser staatlich induzierte Nachfrageschub stützt das Bruttoinlandsprodukt signifikant, während die traditionelle Industrie auf den Weltmärkten tendenziell stagniert.3 |
| 2016 | 97,8 | Brexit-Schock und politische Unsicherheit: Das völlig unerwartete Votum der britischen Bevölkerung für den Austritt aus der Europäischen Union (Brexit) sowie die überraschende Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten sorgen weltweit für maximale politische Unsicherheit. Diese Unwägbarkeiten hemmen die langfristigen Investitionsentscheidungen deutscher Unternehmen spürbar.3 |
| 2017 | 101,3 | Der globale Synchron-Aufschwung: Entgegen allen düsteren Befürchtungen des Jahres 2016 wächst die Weltwirtschaft in diesem Jahr synchron und außerordentlich kräftig. Die deutschen Exporte florieren auf allen Kontinenten, die Gewinne der Unternehmen sprudeln, und die inländische Arbeitslosigkeit fällt kontinuierlich auf historische Tiefstände.3 |
| 2018 | 96,8 | Handelskriege und der WLTP-Schock: Der von der neuen US-Administration initiierte, aggressive Handelskonflikt mit China trifft die extrem offene, exportabhängige deutsche Volkswirtschaft hart. Erschwerend kommt ein hausgemachtes Problem hinzu: Die überstürzte Einführung der neuen Abgasnorm WLTP stürzt die deutsche Autoindustrie in eine tiefe, monatelange Zertifizierungs- und Produktionskrise.3 |
| 2019 | 91,7 | Die schleichende Industrierezession: Die akkumulierten Unsicherheiten (eskalierender Handelskrieg, der drohende harte Brexit) führen zu einer globalen Investitionsschwäche. Die deutsche Kernindustrie befindet sich de facto in einer tiefen Rezession; nur der florierende Dienstleistungssektor und die anhaltend starke Bauwirtschaft verhindern ein formelles Schrumpfen des gesamten BIP.3 |
| 2020 | 93,3 | Der Corona-Schock und die historische Volatilität: Ein Jahr der Extreme. Der harte pandemische Lockdown im Frühjahr lässt das Barometer auf unvorstellbare 49,7 Punkte abstürzen – den mit Abstand niedrigsten Wert seit Beginn der Aufzeichnungen 1991. Im Sommer folgt, getragen durch massive staatliche Hilfsprogramme, ein beispielloser Rebound auf 127,2 Punkte, bevor die Winterwelle die Wirtschaft erneut in weiten Teilen zum Stillstand bringt.2 |
| 2021 | 104,2 | Die globale Lieferkettenkrise: Die Konsumnachfrage boomt nach dem Ende der härtesten Pandemiemaßnahmen weltweit, doch die globalen Lieferketten (insbesondere bei Halbleitern und in der maritimen Logistik) kollabieren unter dem Druck. Die deutsche Produktion kann der immensen Nachfrage physisch nicht folgen. Begünstigt durch diese Knappheit beginnt die Inflation spürbar zu steigen.3 |
| 2022 | 83,2 | Der Energiepreisschock und das Ende eines Geschäftsmodells: Der russische Angriff auf die Ukraine führt zu einer beispiellosen Explosion der Gas- und Strompreise. Das stark auf günstigen russischen Energieimporten basierende Geschäftsmodell der deutschen Industrie wankt in seinen Grundfesten. Das Barometer fällt ab dem Sommer massiv unter die Marke von 80 Punkten, die Wirtschaft befindet sich im Krisenmodus.2 |
| 2023 | 90,6 | Stagnation, Zinswende und Immobilienkrise: Zur Bekämpfung der zwischenzeitlich zweistelligen Inflationsraten erhöht die Europäische Zentralbank die Leitzinsen in einem historisch beispiellosen, aggressiven Tempo. Diese Zinswende lässt die zuvor boomende Bauwirtschaft nahezu sofort einbrechen. Die deutsche Wirtschaft schrumpft im Gesamtjahr leicht, das Barometer bleibt tief im rezessiven, roten Bereich.3 |
| 2024 | 87,4 | Strukturelle Krisen verfestigen sich: Die ökonomische Schwäche wird nicht mehr nur als rein zyklisch-konjunkturell, sondern zunehmend als tiefgreifend strukturell erkannt. Die toxische Mischung aus Demografie (Fachkräftemangel), überbordender Bürokratie, anhaltend hohen Energiepreisen und mörderischer Konkurrenz aus China bei Hochtechnologieprodukten führt zu Werksschließungen und Rekord-Insolvenzen.3 |
| 2025 | 91,8 | Mini-Wachstum und US-Zollängste: Das Jahr ist geprägt von volatilen Zickzack-Bewegungen. Vorgezogene Exportlieferungen in die USA aus Angst vor horrenden Zöllen der neuen US-Administration schönen die Statistiken im ersten Halbjahr künstlich. Unter dem Strich wächst die Wirtschaft marginal um magere 0,2 %, das Barometer deutet auf eine extrem zähe, langsame Stabilisierung auf niedrigem Niveau hin.3 |
Alternative Konjunkturmodelle im komparativen Diskurs
Das DIW Konjunkturbarometer steht in der makroökonomischen Landschaft selbstverständlich nicht isoliert dar. Es existiert ein florierendes Ökosystem an alternativen, konkurrierenden und komplementären Indikatoren auf nationaler, europäischer und globaler Ebene. Ein tiefes, ganzheitliches Verständnis der Konjunktur erfordert von Entscheidungsträgern die intellektuelle Synthese dieser methodisch sehr unterschiedlichen Ansätze.
Nationale Pendants: Das ifo-Geschäftsklima und die ZEW-Erwartungen
In der Bundesrepublik Deutschland dominieren neben dem DIW-Barometer traditionell zwei weitere Indizes den wirtschaftspolitischen und medialen Diskurs, die jedoch völlig andere methodische Wege beschreiten: Das viel zitierte ifo-Geschäftsklima, herausgegeben vom ifo Institut für Wirtschaftsforschung in München, basiert im Gegensatz zur Faktoranalyse des DIW nicht auf harten Produktionsdaten, sondern exklusiv auf einer massiven, monatlichen Umfrage unter rund 7.000 deutschen Unternehmen.13 Die Führungskräfte dieser Unternehmen bewerten in einem standardisierten Fragebogen ihre aktuelle Geschäftslage sowie ihre geschäftlichen Erwartungen für die kommenden sechs Monate. Da er primär weiche, psychologische Daten misst, fungiert das ifo-Geschäftsklima als exzellenter Stimmungsindikator, der konjunkturelle Wendepunkte im Vorfeld oft sehr frühzeitig abbildet. Eine interessante strukturelle Besonderheit ist, dass der ifo-Index den extrem wichtigen Dienstleistungssektor erst im Jahr 2018 methodisch voll in seine Hauptkennzahl integriert und gewichtet hat 14, während das DIW-Barometer durch seine moderne Faktoranalyse weiche und harte Daten aller Sektoren mathematisch fusioniert.
Die ZEW-Konjunkturerwartungen, erhoben vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim, gehen einen noch spezifischeren Weg. Das ZEW befragt monatlich nicht die Unternehmer der Realwirtschaft, die in den Fabriken stehen, sondern bis zu 300 Finanzmarktanalysten und institutionelle Anleger aus Banken und Versicherungen.15 Empirische Studien belegen eindeutig, dass die ZEW-Erwartungen den ifo-Geschäftserwartungen in der Indikation von Wendepunkten um etwa einen Monat signifikant vorauslaufen.15 Dies liegt daran, dass professionelle Analysten makroökonomische Makro-Trends – wie anstehende Zinsänderungen der EZB oder globale Währungsschwankungen – weitaus schneller in ihre Modelle einpreisen als der klassische mittelständische Maschinenbauer. Allerdings erkauft sich der ZEW-Index diesen massiven zeitlichen Vorlauf durch eine enorm hohe Volatilität; er schlägt oft auf Basis von Marktrauschen “falschen Alarm” und revidiert sich im Folgemonat schnell wieder, während das DIW-Barometer durch seine fundamentale, breite Fundierung auf 311 Variablen deutlich robuster und resistenter gegenüber kurzfristigen psychologischen Panikreaktionen ist.15
Europäische Indikatoren: Eurocoin und ESI
Da die deutsche Wirtschaft tief in den europäischen Binnenmarkt integriert ist, reicht der nationale Blick nicht aus. Auf europäischer Ebene stechen zwei Modelle hervor: Der Eurocoin-Indikator, der gemeinsam vom renommierten Centre for Economic Policy Research (CEPR) und der Banca d’Italia publiziert wird, verfolgt einen methodisch extrem ähnlichen Ansatz wie das DIW-Barometer.1 Auch der Eurocoin nutzt hochkomplexe dynamische Faktorenmodelle, um aus einer gigantischen Fülle von Finanzmarkt-, Umfrage- und Produktionsdaten das weiße Rauschen herauszufiltern und das fundamentale monatliche BIP-Wachstum der gesamten Eurozone zu schätzen.7 Der Economic Sentiment Indicator (ESI) hingegen, der offiziell von der Europäischen Kommission berechnet wird, aggregiert harmonisierte Konjunkturumfragen aus sämtlichen EU-Mitgliedstaaten zu einem Index.16 Während der ESI exzellent dafür geeignet ist, Stimmungskonvergenzen oder wirtschaftliche Divergenzen zwischen Nord- und Südeuropa aufzuzeigen, weist er im strengen akademischen Vergleich zu harten Indikatoren eine etwas geringere Korrelation mit dem tatsächlichen, später gemessenen BIP-Wachstum auf.16
Globale Taktgeber: PMI, OECD CLI und Brookings-FT TIGER
In einer hyperglobalisierten Welt, in der eine gestörte Lieferkette in Asien deutsche Bänder stillstehen lässt, greifen Ökonomen zwingend auf globale Modelle zurück: Der J.P. Morgan Global Purchasing Managers’ Index (PMI) ist der unangefochtene Goldstandard für die Messung der globalen Realwirtschaft.17 Einkaufsmanager in über 40 Volkswirtschaften werden monatlich befragt, ob Parameter wie Auftragseingänge, Beschäftigung oder Lieferzeiten im Vergleich zum Vormonat gestiegen oder gefallen sind. Ein resultierender Wert über der magischen Grenze von 50 signalisiert globales Wachstum. Der immense Vorteil des PMI liegt in der strikten methodischen Standardisierung über alle Ländergrenzen hinweg, was ihn international extrem vergleichbar macht.17 Der OECD Composite Leading Indicator (CLI) der Industriestaaten-Organisation OECD wird primär konstruiert, um Wendepunkte zwischen Expansion und Rezession frühzeitig zu erkennen – idealerweise mit einem statistischen Vorlauf von sechs bis neun Monaten vor dem tatsächlichen BIP-Wendepunkt der jeweiligen Volkswirtschaft.19 Er liefert eher qualitative Signale über die Richtung als exakte quantitative Wachstumsraten.19 Der innovative Brookings-FT TIGER Index (Tracking Indexes for the Global Economic Recovery) kombiniert reale ökonomische Daten, Finanzmarktdaten und Vertrauensindikatoren, um die globale Erholung grafisch und numerisch darzustellen. Er ist in der modernen Analyse besonders wertvoll, um die zunehmende Asynchronität der Konjunkturzyklen zwischen etablierten Industriestaaten und rasant aufsteigenden Schwellenländern zu kartografieren.20
Die tiefgreifende sozioökonomische Bedeutung von Konjunkturmodellen
Konjunkturbarometer und Prognosemodelle sind keineswegs abstrakte akademische Fingerübungen in Elfenbeintürmen; sie entfalten eine enorme normative und faktische Kraft und haben weitreichende, ganz reale Konsequenzen für die große Staatspolitik, die Unternehmenswirtschaft und das alltägliche Leben der Zivilgesellschaft.
Für nationale Regierungen und supranationale Zentralbanken ist das präzise “Timing” wirtschaftspolitischer Interventionen schlichtweg existenziell.21 Handelt der Staat in einer Krise zu spät, vertieft sich eine Rezession unnötig, vernichtet irreparabel industrielles Kapital und treibt Millionen in die Arbeitslosigkeit. Handelt er jedoch zu früh oder stimuliert die Wirtschaft zu stark, riskiert er eine konjunkturelle Überhitzung und eine galoppierende Inflation, die Ersparnisse entwertet. Modelle wie das DIW Konjunkturbarometer dienen als das hochpräzise Navigationsradar für genau dieses Timing.21 Zeigt das Barometer einen anhaltenden, extremen Absturz der Wirtschaftsleistung an (wie es Anfang 2020 oder dramatisch Ende 2022 der Fall war), legitimiert dieses harte Datenmaterial politisch und juristisch außergewöhnliche fiskalische Maßnahmen.12 Dies umfasst etwa die formelle Aussetzung der im Grundgesetz verankerten Schuldenbremse oder die Auflegung milliardenschwerer Sondervermögen zur Stützung der kritischen Infrastruktur und zur Abfederung von ruinösen Energiepreisen für die Bürger.12 Auf der geldpolitischen Seite stützt sich die Europäische Zentralbank (EZB) ebenfalls massiv auf derartige aggregierte Indikatoren, um zu entscheiden, ob die Leitzinsen gesenkt werden müssen, um lahme Investitionen anzukurbeln, oder ob sie drastisch angehoben werden müssen, um eine konjunkturelle Überhitzung und Preisspiralen (wie in den Krisenjahren 2022 und 2023) radikal abzukühlen.8
Eine besonders brisante, oft medial stark beachtete Rolle spielen Konjunkturprognosen in den ritualisierten Rhythmen der Tarifverhandlungen zwischen den mächtigen Gewerkschaften und den Arbeitgeberverbänden in Deutschland.24 Die Gewerkschaften nutzen positive Prognosen eines anstehenden wirtschaftlichen Aufschwungs (indiziert durch anhaltend hohe Barometerwerte), um sehr offensive, zweistellige Lohnforderungen zu legitimieren. Sie argumentieren dabei makroökonomisch, dass die Arbeitnehmer zwingend an dem antizipierten zukünftigen Produktivitätszuwachs beteiligt werden müssen, um die Binnennachfrage zu stärken. Die Arbeitgeberverbände hingegen rekurrieren in den Verhandlungsnächten strategisch auf negative Vorlauf-Indikatoren und eintrübende Barometerwerte, um auf die zwingende Notwendigkeit von Lohnzurückhaltung, die Vermeidung von Stellenabbau und den Erhalt der internationalen Wettbewerbsfähigkeit zu pochen.10 Da Löhne in deutschen Tarifverträgen in der Regel für 18 bis 24 Monate in die Zukunft fixiert werden, müssen beide Tarifparteien zwingend solche zukunftsorientierten Vorhersagemodelle als Verhandlungsgrundlage nutzen, da historische, rückwärtsgerichtete Bilanzdaten für zukunftsweisende Vertragsabschlüsse nahezu wertlos sind.
Ein faszinierender und psychologisch hochkomplexer Aspekt der angewandten Makroökonomie ist die Endogenität von Prognosen: Die bloße Veröffentlichung einer Prognose durch ein renommiertes Institut verändert fast augenblicklich das reale Verhalten der ökonomischen Akteure und beeinflusst damit genau die Zukunft, die das Modell eigentlich nur objektiv vorherzusagen versuchte.26 Verkünden führende Institute wie das DIW oder das ifo Institut monatelang in der Presse eine massive Eintrübung der Konjunktur, sinkt das Konsumentenvertrauen der Bürger messbar ab. Aus panischer Angst vor drohender Kurzarbeit oder dem Verlust des Arbeitsplatzes erhöhen private Haushalte sofort ihre “Vorsichtserparnis” (Angstsparen) und schieben größere, geplante Konsumausgaben wie den Kauf von Autos, Möbeln oder Immobilien auf.27 Gleichzeitig reagieren Vorstände auf dieselben Prognosen, stoppen ihre langfristigen Investitionsbudgets (Capex) für neue Maschinen und verhängen strikte Einstellungsstopps.28 Diese fatale, simultane Zurückhaltung von privatem Konsum und gewerblichen Investitionen führt zu einem massiven Nachfrageausfall im System, der die Volkswirtschaft letztlich genau in jene harte Rezession stürzt, die ursprünglich von den Instituten “nur” prognostiziert war. Diese sogenannte selbsterfüllende Prophezeiung (Self-fulfilling prophecy) macht die verantwortungsvolle Kommunikation von Barometerwerten und Konjunkturprognosen zu einem hochsensiblen, fast schon diplomatischen Akt, bei dem Wirtschaftsforscher die psychologische Wirkung ihrer eigenen Datenmodelle stets mitreflektieren müssen.26
Synthese und strategischer Ausblick: Prognose für Deutschland (2026–2027)
Das DIW Konjunkturbarometer zeichnet zu Beginn des Jahres 2026 das Bild einer ehemals erfolgsverwöhnten Volkswirtschaft, die zwar eine tiefe, von multiplen geopolitischen Krisen gezeichnete Talsohle physisch durchschritten hat, der aber aktuell jegliche kraftvolle, selbsterhaltende Erholungsdynamik fehlt. Im Januar 2026 stieg der Wert des Barometers leicht auf 94,8 Punkte an (nach 93,4 Punkten im Dezember 2025).1 Dieser extrem schrittweise Aufwärtstrend stoppt zwar formal den harten Abwärtssog der Vorjahre, bleibt jedoch nach wie vor signifikant unter der neutralen 100-Punkte-Marke gefangen. Es handelt sich um eine blutleere Erholung “ohne großen Schwung”.1
Nach einem von tiefen geoökonomischen Schocks, exorbitanten Energiekosten und industrieller Stagnation geprägten Krisenjahr 2025, welches letztlich mit einem marginalen, fast nicht messbaren realen Wachstum von 0,2 % abschloss 11, indizieren die aggregierten Vorlaufdaten der Institute für die kommenden Jahre 2026 und 2027 einen moderaten, überwiegend von der Binnenwirtschaft getragenen Aufschwung.
Für das laufende Jahr 2026 wird von allen relevanten Akteuren eine merkliche Beschleunigung der wirtschaftlichen Aktivität prognostiziert. Die Projektionen der führenden Forschungsinstitute und der Bundesregierung konvergieren in einem Korridor zwischen 0,8 % und 1,7 % Wachstum. Während das ifo Institut in München eher konservative 0,8 % ansetzt 30 und die Bundesregierung in ihrem aktuellen Jahreswirtschaftsbericht von 1,0 % ausgeht 12, prognostiziert das DIW Berlin aufgrund identifizierter starker fiskalischer Impulse ein dynamischeres Wachstum von 1,3 % bis 1,7 %.11 Die Gemeinschaftsdiagnose der führenden Institute (GD) reiht sich mit einer Prognose von 1,3 % exakt in der Mitte ein.9
Der primäre Konjunkturmotor wird im Jahr 2026 bemerkenswerterweise nicht der traditionelle Export der deutschen Industrie sein. Vielmehr stützen nun massive öffentliche Investitionsprogramme des Staates – insbesondere in die verfallende Infrastruktur und die überfällige Digitalisierung – sowie drastisch erhöhte Verteidigungsausgaben zur geopolitischen Abschreckung die binnenwirtschaftliche Nachfrage entscheidend.11 Zudem dürften die spürbaren, nominellen Reallohnsteigerungen der vergangenen, harten Tarifrunden in direkter Kombination mit einer sich normalisierenden Inflationsrate (die sich wieder dem EZB-Ziel von knapp 2 % annähert) den privaten Konsum der Bürger wieder anheizen. Die privaten Haushalte haben nach den dramatischen Kaufkraftverlusten der Krisenjahre 2022 und 2023 eine erhebliche Aufholjagd vor sich, was den Einzelhandel und die Dienstleister massiv entlasten dürfte.12
Für das kommende Jahr 2027 festigt sich dieser positive Trend in den Prognosemodellen zu einem erwarteten BIP-Zuwachs von 1,4 % bis 1,8 %.11 Dennoch warnen Ökonomen eindringlich davor, dass diese zyklische, konjunkturelle Erholungsphase massive strukturelle Verwerfungen überdeckt, die das langfristige Potenzialwachstum Deutschlands (jenes Wachstum, welches das DIW Barometer als 100-Punkte-Neutralwert überhaupt erst definiert) akut bedrohen.
Erstens leidet die offene, extrem stark industrialisierte deutsche Volkswirtschaft unter der zunehmenden geoökonomischen Fragmentierung der Welt. Sie ist hyper-sensibel gegenüber protektionistischen Tendenzen; die aggressive Handelspolitik der USA, insbesondere drohende Zölle, sowie der eskalierende wirtschaftliche Konflikt zwischen der EU und China wirken als permanente, toxische Investitionsbremse für global agierende Konzerne.9 Zweitens befindet sich die industrielle Basis in einer beispiellosen Wettbewerbsfähigkeitskrise. Über ein Drittel der deutschen Industrieunternehmen meldete zuletzt einen drastischen Verlust der internationalen Wettbewerbsfähigkeit – ein historischer Negativrekord in den Erhebungen.10 Anhaltend hohe Energiekosten im globalen Vergleich belasten die energieintensive Chemie- und Schwerindustrie massiv, während die automobile Schlüsselindustrie die hochkomplexe Transformation zur Elektromobilität unter extremem asiatischen und amerikanischen Kostendruck vollziehen muss.9 Drittens wirkt die schwindende Erwerbsbevölkerung durch den massenhaften Renteneintritt der geburtenstarken Jahrgänge (“Babyboomer”) zunehmend als absolute, harte Wachstumsgrenze. Ohne tiefgreifende, politisch schmerzhafte Reformen zur Ausweitung des Arbeitsangebots – sei es durch gezielte Erwerbsmigration, die Erhöhung der Frauenerwerbsquote oder die Verlängerung der Lebensarbeitszeit – wird der sich verschärfende strukturelle Fachkräftemangel jeden anlaufenden Aufschwung unweigerlich abwürgen.9
Zusammenfassend lässt sich empirisch festhalten, dass hochentwickelte statistische Instrumente wie das DIW Konjunkturbarometer in einer Epoche maximaler geopolitischer, technologischer und ökologischer Disruption unverzichtbarer denn je für die Steuerung der Nation sind. Sie bieten durch ihre kühle, mathematisch fundierte Aggregation von hunderten Variablen einen zutiefst objektiven Kompass in einer zunehmend emotionalisierten und komplexen Welt. Die deutsche Wirtschaft steht unweigerlich vor einer harten Dekade der Transformation; der schmerzhafte Übergang von einem kohlenstoffbasierten, energieintensiven Industrie- und Exportmodell hin zu einer klimaneutralen, hochgradig digitalisierten Ökonomie wird zweifellos weitere scharfe konjunkturelle Schwankungen nach sich ziehen. Die präzise, emotionslose Vermessung dieses schwierigen Weges bleibt die vornehmste und wichtigste Aufgabe der angewandten makroökonomischen Forschung.
Referenzen
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- Wissenschaft zwischen Freiheit und NS-Diktatur (1925 … – DIW Berlin, Zugriff am Februar 23, 2026, https://www.diw.de/de/diw_01.c.933329.de/100_jahre_diw/wissenschaft_zwischen_freiheit_und_ns-diktatur__br__1925_bis_1945.html
- barometer_20251219_monate.csv
- Die wirtschaftspolitische Entwicklung von 1949 bis heute | BMWE – bundeswirtschaftsministerium.de, Zugriff am Februar 23, 2026, https://www.bundeswirtschaftsministerium.de/Redaktion/DE/Textsammlungen/Ministerium/wirtschaftspolitik-seit-1949.html
- die wirtschaftliche lage in der bundesrepublik deutschland – monatsbericht november 1991, Zugriff am Februar 23, 2026, https://www.bundesregierung.de/breg-de/service/newsletter-und-abos/bulletin/die-wirtschaftliche-lage-in-der-bundesrepublik-deutschland-monatsbericht-november-1991-787246
- Deutsche Wiedervereinigung – Wikipedia, Zugriff am Februar 23, 2026, https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_Wiedervereinigung
- Geldpolitik & Wirtschaft Q3/05 – Europäische Konjunkturindikatoren …, Zugriff am Februar 23, 2026, https://www.oenb.at/dam/jcr:662f229c-1909-447e-aa31-1fb7903b3296/gewi_2005_q3_analysen_04_tcm16-32035.pdf
- Aktualisierte Konjunkturprognose 2023 und 2024 – Sachverständigenrat Wirtschaft, Zugriff am Februar 23, 2026, https://www.sachverstaendigenrat-wirtschaft.de/fileadmin/dateiablage/Konjunkturprognosen/2023/KJ2023_Gesamtausgabe.pdf
- #1-2025 – Gemeinschaftsdiagnose, Zugriff am Februar 23, 2026, https://gemeinschaftsdiagnose.de/wp-content/uploads/2025/04/IfW_Kiel_GD_1_2025_web.pdf
- German Industry Sees Its Own Competitiveness at a Record Low | ifo Business Survey, Zugriff am Februar 23, 2026, https://www.ifo.de/en/facts/2025-11-11/german-industry-sees-its-own-competitiveness-record-low
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- Im Fokus: Jahreswirtschaftsbericht 2026 – Investitionen und Reformen für Wachstum und Resilienz | BMWE – bundeswirtschaftsministerium.de, Zugriff am Februar 23, 2026, https://www.bundeswirtschaftsministerium.de/Redaktion/DE/Schlaglichter-der-Wirtschaftspolitik/2026/02/02-jahreswirtschaftsbericht-2026.html
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- DIW Wochenbericht, Zugriff am Februar 23, 2026, https://www.diw.de/documents/publikationen/73/diw_01.c.992158.de/25-50-2.pdf
- DIW-Konjunkturbarometer: Wirtschaft kommt nicht in Schwung – Gabot.de, Zugriff am Februar 23, 2026, https://www.gabot.de/ansicht/diw-konjunkturbarometer-wirtschaft-kommt-nicht-in-schwung-430526.html
- Konjunkturprognosen und Bautätigkeit – Bundesarchitektenkammer e.V., Zugriff am Februar 23, 2026, https://bak.de/kammer-und-beruf/daten-fakten/konjunktur-im-architekturmarkt/konjunkturprognosen-und-bautaetigkeit/
- ifo Konjunkturprognose | Prognosereihe, Zugriff am Februar 23, 2026, https://www.ifo.de/prognosen/ifo-konjunkturprognose
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