
Mar-a-lago accord und die strategische Zangenbewegung gegen Europa (2025–2030)
Zusammenfassung: Ein historischer Paradigmenwechsel
Das Jahr 2026 markiert einen fundamentalen Bruch in der transatlantischen und globalen Wirtschaftsordnung, dessen Tragweite mit dem Ende des Bretton-Woods-Systems 1971 oder dem Plaza-Abkommen von 1985 vergleichbar ist. Die Rückkehr von Donald Trump ins Weiße Haus und die aggressive Implementierung seiner “America First”-Agenda haben eine neue Ära des Merkantilismus eingeläutet. Im Zentrum dieser Strategie steht der sogenannte “Mar-a-Lago-Plan”, eine koordinierte geoökonomische Offensive, die darauf abzielt, die US-Wirtschaft durch eine erzwungene Abwertung des Dollars und finanzielle Repression der Verbündeten zu reindustrialisieren.
Für Europa, und insbesondere für das exportabhängige Deutschland, hat sich ein “perfekter Sturm” zusammengebraut. Während die USA ihre Märkte durch den “Liberation Day”-Zollwall abschotten, führt ein taktischer Waffenstillstand zwischen Washington und Peking (das “Kuala Lumpur Agreement”) dazu, dass chinesische Überkapazitäten massiv nach Europa umgelenkt werden. Diese Zangenbewegung bedroht die industrielle Basis Europas in ihrer Existenz.
Dieses Dossier bietet eine erschöpfende Analyse der Genese, Mechanismen und Auswirkungen dieser Strategie. Es stützt sich auf umfassende Datenpunkte, Regierungsdokumente und Marktanalysen der Jahre 2025 und 2026, um die Risikolandschaft für die europäische Volkswirtschaft bis 2030 zu kartieren.
1. Der Mar-a-Lago-Plan: Anatomie einer geoökonomischen Großstrategie
Der Begriff “Mar-a-Lago-Plan” (oft auch “Mar-a-Lago Accord”) ist keine offizielle Bezeichnung eines einzelnen Vertrages, sondern der Oberbegriff für die geoökonomische Grand Strategy der zweiten Trump-Administration. Er wurde maßgeblich von Ökonomen aus Trumps innerem Zirkel, insbesondere Stephen Miran, entwickelt und zielt auf eine radikale Neuordnung der globalen Finanzarchitektur ab.1
1.1 Die intellektuelle Genesis: “The World Must Pay”
Die ideologische Grundlage des Plans basiert auf der Überzeugung, dass das globale Handelssystem strukturell gegen die Vereinigten Staaten gerichtet ist und dass die Rolle des US-Dollars als Weltleitwährung in ihrer aktuellen Form – paradoxerweise – der US-Industrie schadet. Ein starker Dollar begünstigt Importe und amerikanische Konsumenten, vernichtet aber die Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Produktion.
Der Mar-a-Lago-Plan dreht die Logik des “Exorbitanten Privilegs” des Dollars um. Das Ziel ist nicht mehr die Verteidigung des starken Dollars, sondern dessen kontrollierte Schwächung, um US-Exporte zu fördern, kombiniert mit Mechanismen, die sicherstellen, dass ausländische Akteure die Kosten dieser Anpassung tragen.1
Die drei strategischen Säulen:
- Gezielte Dollar-Abwertung (Plaza 2.0): Ähnlich dem Plaza-Abkommen von 1985, bei dem die G5-Nationen eine Abwertung des Dollars vereinbarten, strebt das Team um Trump und Miran eine Abwertung des Greenbacks um 20 % bis 40 % an.2 Anders als 1985 setzt die USA diesmal jedoch nicht auf kooperativen Multilateralismus, sondern auf Zwang. Zölle werden als Hebel eingesetzt, um Handelspartner (China, EU, Japan) zu zwingen, ihre Währungen aufzuwerten oder den Dollar künstlich zu schwächen.4
- Finanzielle Repression durch “Century Bonds”: Um zu verhindern, dass eine Dollar-Abwertung zu einer Kapitalflucht führt, die den Status der Leitwährung gefährdet (De-Dollarisierung), sieht der Plan vor, verbündete Nationen zum Kauf von extrem langlaufenden US-Staatsanleihen (“Century Bonds” mit 100 Jahren Laufzeit) zu zwingen. Diese Anleihen sollen zu künstlich niedrigen Zinsen ausgegeben werden. Für die Käufer (z.B. die EZB oder die Bank of Japan) ist dies ein Verlustgeschäft, faktisch eine “User Fee” (Nutzungsgebühr) für den amerikanischen Sicherheitsschirm.1 Dies stabilisiert die US-Fiskalpolitik auf Kosten der Bilanzen der Verbündeten.
- Merkantilistische Industriepolitik:
Die Abwertung soll mit massiven Zöllen und Deregulierung einhergehen, um globale Lieferketten aufzubrechen und Produktion in die USA zurückzuverlagern (“Reshoring”).
1.2 Stephen Miran und die Politisierung der Federal Reserve
Die operative Umsetzung dieses Plans erforderte die Übernahme der Kontrolle über die US-Geldpolitik. Die Federal Reserve (Fed) unter Jerome Powell widersetzte sich lange Zeit einer Politisierung, die die Inflationsbekämpfung gefährden könnte.
Im Jahr 2025 eskalierte dieser Konflikt. Präsident Trump ernannte Stephen Miran, den Architekten des Mar-a-Lago-Plans, zunächst zum Vorsitzenden des Council of Economic Advisers und im September 2025 zum Gouverneur der Federal Reserve, um eine Vakanz bis Januar 2026 zu füllen.6 Mirans Ernennung war ein klares Signal an die Märkte: Die Ära der unabhängigen Zentralbank ist vorbei.
Die institutionelle Krise der Fed (Januar 2026)
Der Konflikt erreichte im Januar 2026 einen verfassungsrechtlich bedenklichen Höhepunkt. Das US-Justizministerium (DOJ) leitete strafrechtliche Ermittlungen gegen den amtierenden Fed-Chef Jerome Powell ein. Offiziell ging es um Unregelmäßigkeiten bei der Renovierung von Fed-Gebäuden, faktisch jedoch diente die Untersuchung als Druckmittel (“Lawfare”), um Powell zu einer aggressiveren Zinssenkungspolitik zu zwingen, die für die geplante Dollar-Abwertung notwendig ist.8
| Akteur | Position | Rolle im Mar-a-Lago-Plan | Status Jan. 2026 |
| Donald Trump | US-Präsident | Initiator & Politischer Treiber | Nutzt DOJ als Hebel gegen Fed |
| Stephen Miran | Fed Governor | Architekt & Implementierer | Im Amt, drängt auf Zinswende |
| Jerome Powell | Fed Chair | Bewahrer der Unabhängigkeit | Unter DOJ-Ermittlung, politisch isoliert |
| Scott Bessent | Treasury Sec. | Diplomatische Flanke | Verhandelt Währungsdeals (Kuala Lumpur) |
Diese Ereignisse haben das Vertrauen in die institutionelle Stabilität der USA erschüttert und die Risikoprämien für US-Assets paradoxerweise erhöht, was die Notwendigkeit der “Century Bonds”-Strategie zur Finanzierung noch dringlicher macht.10
2. Operation “Liberation Day”: Die Zoll-Offensive vom April 2025
Die zweite Säule des Mar-a-Lago-Plans ist die aggressive Nutzung von Zöllen als primäres Instrument der Außenpolitik. Am 2. April 2025, einem Datum, das die Administration als “Liberation Day” framte, unterzeichnete Präsident Trump die Executive Order 14257.
2.1 Der rechtliche und ökonomische Rahmen
Unter Berufung auf den International Emergency Economic Powers Act (IEEPA) erklärte Trump das US-Handelsdefizit zum nationalen Notstand. Dies gab ihm weitreichende Vollmachten, Zölle ohne Zustimmung des Kongresses zu verhängen.11
Die Struktur der “Liberation Day”-Zölle:
- Globaler Basiszoll: Ein pauschaler Zoll von 10 % auf nahezu alle Importe in die USA.
- Spezifischer EU-Zoll: Eine Erhöhung der Zölle auf Importe aus der Europäischen Union auf 20 % (zuvor durchschnittlich 3,5 %). Dies wurde explizit mit dem Ziel begründet, das Handelsdefizit mit Deutschland und der EU auszugleichen und Europa an den Kosten der NATO zu beteiligen.13
- China-Eskalation: Zölle auf chinesische Waren wurden in mehreren Schritten auf bis zu 60 % angehoben, bevor es später zu taktischen Anpassungen kam.11
- Ausnahmen (Carve-outs): Strategische Sektoren wie Halbleiter, bestimmte Pharmazeutika und kritische Mineralien wurden temporär ausgenommen, um US-Lieferketten nicht sofort kollabieren zu lassen.14 Importe aus Kanada und Mexiko blieben vorerst verschont, sofern sie strikte “Rules of Origin” des USMCA erfüllten.12
2.2 Sofortige Auswirkungen auf die Weltwirtschaft
Die Ankündigung führte zu einem sofortigen Einbruch an den globalen Aktienmärkten und einer massiven Volatilität an den Devisenmärkten.
- BIP-Verluste: Ökonomen prognostizierten für die ASEAN-Staaten BIP-Verluste von bis zu 1 %.15
- Europäische Reaktion: Die EU kündigte Vergeltungszölle an, setzte jedoch primär auf Verhandlungen, um einen totalen Handelskrieg zu vermeiden. Die EU-Liste der Vergeltungsmaßnahmen umfasste symbolträchtige US-Produkte wie Bourbon, Harley-Davidson-Motorräder und landwirtschaftliche Erzeugnisse.16
Das Ziel Trumps war jedoch nicht primär Protektionismus um des Schutzes willen, sondern der Aufbau von Verhandlungsmasse (“Leverage”). Dies zeigte sich deutlich in der anschließenden Diplomatie mit China.
3. Das “Kuala Lumpur Agreement”: Der taktische China-Deal
Während Europa sich auf einen langen Konflikt einstellte, vollzog die Trump-Administration im Spätherbst 2025 eine überraschende Wendung gegenüber China. Um die durch Zölle angeheizte US-Inflation vor den Midterm-Wahlen 2026 zu dämpfen und die US-Landwirtschaft zu stützen, schlossen Washington und Peking das “Kuala Lumpur Agreement”.18
3.1 Die Bedingungen des Abkommens
Das Abkommen, das am Rande eines ASEAN-Gipfels finalisiert wurde, ist kein umfassender Friedensvertrag, sondern ein transaktionaler Waffenstillstand (“Truce”).
| Verpflichtung China | Verpflichtung USA | Status |
| Agrar-Käufe: Kauf von 25 Mio. Tonnen US-Sojabohnen jährlich bis 2028.18 | Entity List: Aussetzung der “50% Ownership Rule” für sanktionierte Firmen für 1 Jahr.19 | Bestätigt |
| Fentanyl: Strikte Kontrollen von Vorläuferchemikalien.18 | Zoll-Ausnahmen: Verlängerung von Section-301-Ausnahmen bis Nov. 2026.18 | Bestätigt |
| Seltene Erden: Lockerung der Exportkontrollen für Gallium/Germanium.18 | Hafen-Gebühren: Aussetzung diskriminierender Gebühren für chinesische Schiffe.20 | Bestätigt |
3.2 Die strategische Falle für Europa: “Trade Diversion”
Das Kuala Lumpur Agreement ist für Europa gefährlicher als ein offener US-China-Handelskrieg. Warum? Es normalisiert den Handel in Bereichen, die den USA nutzen (Agrar), lässt aber die Zölle auf chinesische High-Tech-Güter (EVs, Stahl, Batterien) bestehen.
Da der US-Markt für Chinas industriellen Output weitgehend verschlossen bleibt, muss China seine gigantischen Überkapazitäten (“Overcapacity”) woanders absetzen. Das Ergebnis ist eine massive Handelsumlenkung (Trade Diversion) in Richtung Europa.
- Statistischer Beweis: Bereits 2025 zeigten Daten, dass chinesische Exporte in die USA einbrachen (-20 %), während Exporte in die EU (+8,4 %) und nach Großbritannien (+7,8 %) sprunghaft anstiegen.21
- Die Mexiko-Route: Chinesische Exporte von Elektrofahrzeugen nach Mexiko stiegen im November 2025 um über 2.300 %.22 Dies dient teilweise als Umgehung der US-Zölle, primär aber zur Verdrängung westlicher Hersteller aus dem lateinamerikanischen Markt und als Vorbereitung auf den europäischen Markt durch Skaleneffekte.
4. Der China-Faktor: Die Überflutung Europas (2025–2026)
Das Jahr 2026 sieht Europa einer industriellen Flutwelle ausgesetzt. Chinas Binnenwirtschaft leidet unter einer Immobilienkrise und schwacher Konsumnachfrage, weshalb die Kommunistische Partei Chinas (KPCh) voll auf den Export setzt, um das Wachstum zu stabilisieren (“New Productive Forces”).
4.1 Die Automobilindustrie: Ein existenzieller Angriff
Der europäische Automobilmarkt, einst die Festung deutscher Ingenieurskunst, wird systematisch aufgerollt.
- Marktdurchdringung: Chinesische Hersteller wie BYD, SAIC (MG) und Geely nutzen ihre massiven Kostenvorteile (vertikale Integration, staatliche Subventionen), um Fahrzeuge 20–30 % günstiger als europäische Konkurrenten anzubieten.
- Logistische Unabhängigkeit: Chinesische Firmen haben eigene RoRo-Schiffsflotten (“Roll-on/Roll-off”) aufgebaut, um Exportengpässe zu umgehen. Im November 2025 stiegen die globalen EV-Exporte Chinas um 87 % auf fast 200.000 Einheiten in einem einzigen Monat.22
- Preisverfall: In Großbritannien führte die Flut billiger chinesischer Modelle zu einem Einbruch der Gebrauchtwagenpreise für EVs um 14.000 Pfund innerhalb von drei Jahren.23 Dies zerstört die Leasing-Kalkulationen europäischer Flottenbetreiber und Banken (Restwertrisiko).
4.2 Solarenergie und Grüne Technologien
Was im Automobilsektor droht, ist in der Solarindustrie bereits Realität.
- Totale Dominanz: China exportierte in der ersten Hälfte von 2025 mehr Solarmodule ins Ausland, als Deutschland an Gesamtkapazität installiert hat. Die Preise für Solarzellen fielen seit Ende 2022 um 82 %.24
- Europäische Kapitulation: Europäische Hersteller können bei diesen Preisen nicht konkurrieren. Die wenigen verbliebenen Werke in Deutschland und der Schweiz stehen vor der Schließung oder Insolvenz.
4.3 Die Chemische Industrie: Das unsichtbare Dumping
Weniger sichtbar, aber ebenso tödlich, ist der Angriff auf die europäische Basischemie.
- Dumping-Verfahren: Die EU-Kommission leitete 2025 Antidumping-Untersuchungen gegen chinesische Exporte von Adipinsäure (wichtig für Nylon/Polyamid), Epoxidharzen und Titandioxid ein.25
- Struktureller Nachteil: Chinesische Chemiekonzerne profitieren von billiger Energie (Kohle, russisches Gas) und staatlichen Subventionen, während europäische Firmen wie BASF unter hohen Energiepreisen und CO2-Abgaben leiden.
4.4 Die Rohstoff-Waffe: Seltene Erden
Trotz der leichten Entspannung durch das Kuala Lumpur Agreement bleibt die chinesische Kontrolle über kritische Rohstoffe ein Damoklesschwert.
- Exportkontrollen: Im Oktober 2025 verschärfte China erneut die Kontrollen für Seltene Erden, die für Verteidigungselektronik und Elektromotoren essenziell sind. Obwohl dies bis November 2026 teilweise ausgesetzt wurde, zeigt es die Verwundbarkeit der europäischen Rüstungsindustrie, die gerade versucht, im Rahmen der NATO-Ziele aufzurüsten.27
5. Auswirkungen auf die europäische Volkswirtschaft und Industrie (2025–2030)
Europa befindet sich in der strategischen Zwickmühle: Die USA verlangen Gefolgschaft und zahlen mit Zöllen, China sucht Absatzmärkte und zahlt mit Dumping.
5.1 Makroökonomische Perspektive: Die L-Kurve der Stagnation
Die wirtschaftliche Erholung Europas nach den Krisen der frühen 2020er Jahre bleibt aus. Stattdessen zeichnet sich ein Szenario der säkularen Stagnation ab.
Wirtschaftsprognose der EU-Kommission für Deutschland:
| Indikator | 2025 (Prognose) | 2026 (Prognose) | 2027 (Trend) | Analyse |
| BIP-Wachstum | 0,2 % | 1,2 % | 1,2 % | De-facto Stagnation; kein Aufholeffekt nach Rezession.29 |
| Inflation | 2,3 % | 2,2 % | 1,9 % | Sinkend, aber Importpreise steigen durch schwachen Euro. |
| Staatsverschuldung | 63,5 % | 65,2 % | 67,0 % | Steigend durch Verteidigungslasten und Sozialkosten.29 |
| Defizitquote | -3,1 % | -4,0 % | -3,8 % | Verletzung der Maastricht-Kriterien wird zur Norm. |
Das Wachstum von 1,2 % im Jahr 2026 ist weit entfernt von dem, was nötig wäre, um die Investitionslücken in Infrastruktur und Verteidigung zu schließen. Es ist ein Wachstum, das kaum die Inflation ausgleicht (“Reale Stagnation”).
5.2 Sektorale Analyse: Die Erosion der deutschen Kernindustrien
A. Die Automobilkrise (Das Volkswagen-Paradigma)
Volkswagen, einst Symbol deutscher Industriemacht, steht im Zentrum des Sturms.
- Doppelter Schlag: In den USA führten Trumps Zölle und der Wegfall von Steuergutschriften zu einem Absatzeinbruch von fast 20 % im Q4 2025. In China verlor VW weitere Marktanteile an BYD.30
- Finanzielle Folgen: VW meldete operative Verluste und kündigte 2025 erstmals Werksschließungen in Deutschland an. Die Gewinne aus China, die jahrzehntelang die hohen Kosten in Deutschland subventionierten, sind versiegt.31
B. Der Maschinenbau (Verlust der Technologieführerschaft)
Der VDMA (Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau) zeichnet ein düsteres Bild.
- Konkurrenz: Eine Studie der Bertelsmann Stiftung zeigt, dass chinesische Maschinenbauer im Rahmen von “Made in China 2025” technologisch aufgeschlossen haben und nun auf Drittmärkten (Global South) deutsche Anbieter verdrängen.32
- Auftragsflaute: Der VDMA rechnet erst 2026 mit einer Bodenbildung bei den Aufträgen. Die Unsicherheit durch den Mar-a-Lago-Plan führt dazu, dass globale Investoren Projekte aufschieben (“Wait-and-See”).34
C. Die Chemische Industrie (Exodus)
Für die chemische Industrie ist der Standort Deutschland zunehmend unhaltbar.
- BASF: Der Konzern senkte 2025 mehrfach seine Prognosen und verwies explizit auf die US-Zölle und die schwache globale Nachfrage.36
- Investitionsverlagerung: Neue Investitionen fließen fast ausschließlich in die USA (trotz Zöllen locken niedrige Energiekosten) oder nach China (Marktnähe). Europa erlebt eine “schleichende Deindustrialisierung” (Creeping Deindustrialization).37
5.3 Die politische Krise in Berlin
Die ökonomische Krise führte zu politischen Erschütterungen. Nach dem Bruch der Ampelkoalition fanden im Februar 2025 Neuwahlen statt.
- Wahlergebnis: Die CDU/CSU unter Friedrich Merz gewann mit 28,5 %, während die SPD auf historische 16,4 % abstürzte und die AfD mit 20,8 % zweitstärkste Kraft wurde.38
- Regierungsbildung: Eine stabile Regierungsbildung erwies sich als schwierig. Die neue Regierung steht vor dem Dilemma, die Schuldenbremse reformieren zu müssen, um die von den USA geforderten Verteidigungsausgaben (Ziel: 3 % des BIP) und Industriepakete zu finanzieren, während die eigene Basis fiskalische Härte fordert.40
6. Die europäische Antwort: Zu wenig, zu spät?
Europa versucht, auf die Zangenbewegung mit einer Mischung aus Industriepolitik und Schutzmaßnahmen zu reagieren.
6.1 Der “Clean Industrial Deal” (Die Draghi-Agenda)
Basierend auf dem Bericht von Mario Draghi zur Wettbewerbsfähigkeit hat die EU-Kommission den “Clean Industrial Deal” lanciert, dessen Umsetzung 2026 beginnt.41
- Konzept: Eine massive staatliche Förderung der Dekarbonisierung, um Energiekosten zu senken und grüne Leitmärkte zu schaffen.
- Finanzierungsproblem: Der ursprünglich geplante “Souveränitätsfonds” scheiterte am Widerstand der “Sparsamen Vier” und Deutschlands. Stattdessen wurde die Plattform STEP (Strategic Technologies for Europe Platform) geschaffen, die jedoch primär bestehende Mittel umschichtet (z.B. aus Horizon Europe und Kohäsionsfonds).43
- Innovation Fund: Zusätzliche 40 Mrd. Euro aus dem Emissionshandel (ETS) sollen in Projekte wie Wasserstoff und Batteriezellfertigung fließen.44
Kritik: Experten bemängeln, dass die Mittel im Vergleich zum US-IRA oder den chinesischen Subventionen viel zu gering und bürokratisch zu schwerfällig sind (“Downgrade from Sovereignty Fund to STEP”).43
6.2 Die Festung Europa: Schutzmaßnahmen
Die EU ist gezwungen, ihre traditionelle Freihandelshaltung aufzugeben.
- Stahl-Safeguards: Um eine Überflutung mit Stahl, der nicht mehr in die USA exportiert werden kann, zu verhindern, hat die EU ihre Schutzmaßnahmen (Quoten und Zölle) bis Juni 2026 verlängert und verschärft (“Melt and Pour”-Regeln).45
- Antidumping: Die EU bereitet eine aggressive Nutzung von Antidumping-Zöllen gegen chinesische EVs und Windkraftanlagen vor. Dies birgt jedoch das Risiko eines Handelskrieges an zwei Fronten.
7. Fazit und Ausblick 2030
Der Mar-a-Lago-Plan stellt für Europa eine existenzielle Bedrohung dar. Er ist der Versuch der USA, ihre strukturellen Probleme (Schulden, Defizite) durch die Nutzung ihrer geopolitischen Macht auf ihre Verbündeten abzuwälzen.
Bis 2030 zeichnen sich folgende Konsequenzen ab:
- Das Ende des deutschen Geschäftsmodells: Die Ära, in der Deutschland billige Energie aus Russland importierte, Vorprodukte aus China bezog und Hochtechnologie in die ganze Welt exportierte, ist unwiderruflich vorbei.
- Transatlantische Asymmetrie: Europa wird gezwungen sein, US-Schulden zu finanzieren (“Century Bonds”) und US-Energie (LNG) zu kaufen, um den Sicherheitsschirm zu erhalten. Dies zementiert eine Juniorpartnerschaft.
- Fragmentierung des Binnenmarktes: Ohne einen massiven gemeinsamen Finanztopf (Souveränitätsfonds) werden nur fiskalisch starke Staaten (wie Deutschland, trotz Krise) ihre Industrien stützen können, was den Binnenmarkt zerreißt.
- Die “Festung Europa”: Die EU wird sich zu einem protektionistischen Block entwickeln müssen, um nicht zum Abladeplatz chinesischer Überkapazitäten zu werden.
Die nächsten fünf Jahre werden entscheiden, ob Europa als eigenständiger industrieller Pol überlebt oder zum Museum und Absatzmarkt degradiert wird, der zwischen den Blöcken zerrieben wird.
Tabelle: Die wichtigsten Zölle und Maßnahmen 2025/2026
| Maßnahme | Datum | Ziel / Inhalt | Auswirkung |
| Liberation Day Tariffs | 02.04.2025 | 10% Global, 20% EU, bis 60% China.11 | Markteinbruch, Inflation in USA, Gegenmaßnahmen EU. |
| Kuala Lumpur Agreement | Nov. 2025 | China kauft US-Agrarprodukte, USA lockern Sanktionen.18 | Handelsumlenkung chinesischer Waren nach Europa. |
| EU Stahl-Safeguard | Bis Juni 2026 | Verlängerung der Importquoten, Verschärfung der Regeln.45 | Versuch, Stahlflut aus China/Indien zu stoppen. |
| China Exportkontrollen | Okt. 2025 | Restriktionen für Gallium, Germanium, Antimon.27 | Versorgungsunsicherheit für EU-Tech-Industrie. |
Referenzen
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- What Is the ‘Mar-a-Lago Accord’? A Dramatic ‘Dollar Reset’ Coming to America, Zugriff am Januar 14, 2026, https://stansberryresearch.com/stock-market-trends/what-is-the-mar-a-lago-accord
- World must pay to make America great again – MR Online, Zugriff am Januar 14, 2026, https://mronline.org/2025/11/13/world-must-pay-to-make-america-great-again/
- US dollar as reserve currency – Deutscher Sparkassen- und Giroverband, Zugriff am Januar 14, 2026, https://www.dsgv.de/uploads/20251216_Standpunkt_US_Dollar_as_reserve_currency_8893254020.pdf
- Dollar dominance and the Trump administration – Global Business & Finance Magazine, Zugriff am Januar 14, 2026, https://gbfinancemag.com/dollar-dominance-and-the-trump-administration/
- Stephen I. Miran – Federal Reserve Board, Zugriff am Januar 14, 2026, https://www.federalreserve.gov/aboutthefed/bios/board/miran.htm
- Stephen Miran – Wikipedia, Zugriff am Januar 14, 2026, https://en.wikipedia.org/wiki/Stephen_Miran
- DOJ investigation of Powell sparks backlash, support for Fed independence, Zugriff am Januar 14, 2026, https://www.pbs.org/newshour/politics/doj-investigation-of-powell-sparks-backlash-support-for-fed-independence
- Stock Market Investors Just Got Alarming News on President Trump’s Fight With Fed Chair Jerome Powell, Zugriff am Januar 14, 2026, https://www.fool.com/investing/2026/01/14/stock-market-investors-news-president-trump-powell/
- Mar-a-Lago Accord spells uncertainty for the global financial system | East Asia Forum, Zugriff am Januar 14, 2026, https://eastasiaforum.org/2025/07/01/mar-a-lago-accord-spells-uncertainty-for-the-global-financial-system/
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- Q&A – Germany’s €500bln special fund for infrastructure and climate neutrality, Zugriff am Januar 14, 2026, https://www.cleanenergywire.org/factsheets/qa-germanys-eu500-bln-infrastructure-fund-whats-it-climate-and-energy
- The Draghi report on EU competitiveness – European Commission, Zugriff am Januar 14, 2026, https://commission.europa.eu/topics/competitiveness/draghi-report_en
- The energy transition in Europe, Part 2: How EU policy has responded to Draghi’s call to action – Rabobank, Zugriff am Januar 14, 2026, https://www.rabobank.com/knowledge/d011505484-the-energy-transition-in-europe-part-2-how-eu-policy-has-responded-to-draghis-call-to-action
- The EU’s plan for critical technologies ends up as a shadow of the promised sovereignty fund | Science|Business, Zugriff am Januar 14, 2026, https://sciencebusiness.net/news/industry/eus-plan-critical-technologies-ends-shadow-promised-sovereignty-fund
- Europe’s Clean Industrial Deal: four priorities to fulfil its promise – Bruegel, Zugriff am Januar 14, 2026, https://www.bruegel.org/first-glance/europes-clean-industrial-deal-four-priorities-fulfil-its-promise
- New Bold Proposal Presented to Replace Expiring EU Steel Safeguard Measures, Zugriff am Januar 14, 2026, https://research.hktdc.com/en/article/MjE0Mjk3MTQ3Nw
- Commission strengthens protection for EU steel industry – Trade and Economic Security, Zugriff am Januar 14, 2026, https://policy.trade.ec.europa.eu/news/commission-strengthens-protection-eu-steel-industry-2025-03-25_en
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