
Vermögensentwicklung und -konzentration in Deutschland (1950–2024)
Einleitung: Die Vermessung des Reichtums – Methodik, Herausforderungen und historische Zäsuren
Die Verteilung von Vermögen ist ein zentraler Indikator für die sozioökonomische Verfasstheit einer Gesellschaft. Sie spiegelt nicht nur die wirtschaftliche Stabilität und die Möglichkeiten zur sozialen Mobilität wider, sondern beeinflusst auch maßgeblich den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Dieses Dossier analysiert die Entwicklung und Konzentration des privaten Reichtums in Deutschland über einen Zeitraum von mehr als sieben Jahrzehnten, von der Nachkriegszeit bis in die Gegenwart. Im Fokus stehen zwei zentrale Metriken: die absolute Anzahl der Vermögensmillionäre als Indikator für die Akkumulation von Spitzenvermögen und der prozentuale Anteil am Gesamtvermögen, der auf das reichste Zehntel der Bevölkerung entfällt, als Maß für die Vermögenskonzentration.
Grundlagen und Definitionen
Für eine präzise Analyse ist eine klare Abgrenzung der verwendeten Begriffe unerlässlich.
Ein Vermögensmillionär ist eine Person, deren Nettovermögen den Wert von einer Million Währungseinheiten (D-Mark bzw. Euro) übersteigt.1 Dies ist fundamental vom Einkommensmillionär zu unterscheiden, der ein jährliches Einkommen von mehr als einer Million Euro erzielt.2 Das Vermögen ist eine Bestandsgröße, das Einkommen eine Stromgröße.
Das Nettovermögen bildet die analytische Grundlage dieses Dossiers. Es wird definiert als die Summe aller Vermögenswerte (Assets) abzüglich der Summe aller Verbindlichkeiten (Schulden). Zu den Vermögenswerten zählen Finanzvermögen (Bargeld, Bankguthaben, Aktien, Investmentfonds) sowie Sachvermögen (Immobilien, Unternehmensanteile, Fahrzeuge und andere Wertgegenstände). Verbindlichkeiten umfassen Hypotheken, Konsumkredite und sonstige Darlehen.4
Die Betrachtung eines so langen Zeitraums erfordert die Berücksichtigung von Währungsumstellungen und Kaufkraftverlusten. Die Umstellung von der D-Mark auf den Euro zum 1. Januar 2002 führte zu einer nominalen Halbierung der Vermögenswerte. Zudem hat die Inflation die reale Kaufkraft des Geldes erheblich verändert. Die Kaufkraft einer Million US-Dollar im Jahr 1960 entsprach im Jahr 2018 bereits 8,6 Millionen US-Dollar.1 Ein DM-Millionär der Wirtschaftswunderjahre wäre heute kaufkraftbereinigt ein Multimillionär. Dieser Effekt relativiert den rein nominalen Anstieg der Millionärszahlen erheblich.
Methodische Herausforderungen und Datenquellen
Die exakte Erfassung von Vermögen, insbesondere an der Spitze der Verteilung, stellt eine erhebliche methodische Herausforderung dar. Die Diskrepanz zwischen den Ergebnissen verschiedener Erhebungsmethoden ist dabei selbst ein zentraler Befund über die Intransparenz von Spitzenvermögen. Haushaltsbefragungen, die eine wichtige Datenbasis darstellen, leiden systematisch unter einer Untererfassung sehr hoher Vermögen, da die reichsten Haushalte seltener an solchen Umfragen teilnehmen oder ihr Vermögen unvollständig angeben.6
Dieses Dossier stützt sich auf eine Synthese der führenden Datenquellen und berücksichtigt deren jeweilige Stärken und Schwächen:
- Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin): Das DIW nutzt primär das Sozio-oekonomische Panel (SOEP), eine Längsschnittstudie privater Haushalte. Neuere Analysen integrieren eine spezielle Hochvermögenden-Stichprobe (SOEP-P), die die bisherige “Datenlücke” an der Spitze zu schließen versucht und zu signifikant höheren Schätzungen der Vermögenskonzentration führt.8
- Deutsche Bundesbank: Die Bundesbank führt etwa alle drei Jahre die Studie “Private Haushalte und ihre Finanzen” (PHF) durch. Diese Erhebung liefert detaillierte Einblicke in die Vermögensstruktur, weist aber im Vergleich zu den korrigierten DIW-Daten tendenziell eine etwas geringere Ungleichheit aus.7
- World Inequality Database (WID): Die WID verfolgt einen innovativen Ansatz, indem sie Haushaltsbefragungen, Steuerdaten und volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen kombiniert. Dies ermöglicht die Erstellung langer, international vergleichbarer Zeitreihen, die die Vermögensspitze oft besser abbilden als reine Umfragedaten.12
- Private Vermögensberichte: Institute wie Capgemini oder UBS (ehemals Credit Suisse) veröffentlichen jährliche “World Wealth Reports”. Diese sind eine primäre Quelle für die Schätzung der weltweiten und nationalen Millionärspopulationen. Ihre Methodik basiert jedoch auf statistischen Modellen, die volkswirtschaftliche Daten mit der Verteilung aus Umfragen kombinieren, und ihre Ergebnisse sind nicht immer direkt mit nationalen Erhebungen vergleichbar.15
Die Analyse der verschiedenen Schätzungen dieser Quellen ist ein immanenter Bestandteil des Dossiers. Anstatt eine einzige “richtige” Zeitreihe zu präsentieren, wird die wissenschaftlich fundierte Bandbreite der Erkenntnisse aufgezeigt und eingeordnet, um ein möglichst vollständiges Bild der Vermögensentwicklung zu zeichnen.
Teil I: Die Entwicklung der Anzahl der Vermögensmillionäre in Deutschland
1.1 1950–1989: Vermögensbildung im “Wirtschaftswunder” und in der “Bonner Republik”
Für den Zeitraum von 1950 bis zur Wiedervereinigung existiert keine systematische, jährliche Erhebung der Anzahl von Vermögensmillionären. Die Entwicklung muss daher qualitativ auf Basis historischer Wirtschaftsdaten und punktueller Schätzungen rekonstruiert werden.
Die Währungsreform von 1948 in den Westzonen führte zu einer drastischen Entwertung der Geldvermögen. Sparguthaben und Bargeld wurden im Verhältnis 100:6,5 umgestellt, was für viele Bürger einen finanziellen Neuanfang bedeutete. Sachwerte wie Immobilien, Produktionsmittel und Unternehmensanteile blieben hingegen weitgehend erhalten, was ihre Besitzer begünstigte.18 Auf dieser Basis setzte das “Wirtschaftswunder” ein, das zu einem breiten, wenngleich ungleich verteilten Vermögensaufbau führte.
Die Zahl der D-Mark-Millionäre wuchs in dieser Phase stetig. Die primären Treiber waren der Wiederaufbau, das starke reale Wirtschaftswachstum, hohe Sparquoten und die Entstehung neuer, erfolgreicher Industrieunternehmen. Der Besitz von Betriebsvermögen und Immobilien war der entscheidende Hebel zur Akkumulation von Reichtum. Als illustratives Zeitkolorit kann die Einführung des Lottospiels im Jahr 1955 dienen, das bis zur Euro-Einführung 4.129 Personen zu DM-Millionären machte.1 Obwohl dies nur einen winzigen Bruchteil der Millionärspopulation ausmachte, symbolisierte es den Traum vom Aufstieg und Reichtum in der jungen Bundesrepublik. Die genaue Zahl der Vermögensmillionäre in dieser Ära bleibt spekulativ, doch der Trend einer stetig wachsenden Gruppe von Wohlhabenden ist unbestritten.
1.2 1990–2024: Wiedervereinigung, Globalisierung und die Ära des billigen Geldes
Mit der Wiedervereinigung und der zunehmenden Globalisierung ab den 1990er Jahren verbessert sich die Datenlage signifikant. Die Entwicklung der Millionärszahlen beschleunigte sich in dieser Periode dramatisch, angetrieben durch neue, strukturelle Faktoren.
- Wiedervereinigung und Globalisierung: Die Integration der neuen Bundesländer führte kurzfristig nicht zu einem Anstieg der Millionärszahlen, da die Bevölkerung der ehemaligen DDR kaum über privates Produktivvermögen verfügte.19 Langfristig eröffneten sich jedoch neue Märkte und Investitionschancen. Parallel dazu schuf die Globalisierung und die Liberalisierung der Finanzmärkte, insbesondere im Zuge der New Economy um die Jahrtausendwende, neue Vermögen in Sektoren wie Technologie und Finanzdienstleistungen.
- Asset Price Inflation: Der entscheidende Treiber für das exponentielle Wachstum der Millionärszahlen, insbesondere nach der globalen Finanzkrise 2008, war die massive Wertsteigerung bestehender Vermögenswerte. Die historisch niedrigen Zinsen der Europäischen Zentralbank lenkten Kapital in alternative Anlageklassen. Die Preise für Aktien und vor allem für Immobilien stiegen in Deutschland auf breiter Front. Da die Definition eines Millionärs auf dem nominalen Wert des Nettovermögens basiert, führte diese “Asset Price Inflation” mechanisch dazu, dass immer mehr Besitzer von Immobilien oder Wertpapierdepots die Schwelle von einer Million Euro überschritten, oft ohne dass sich ihr reales Vermögen (z.B. ein selbstgenutztes Haus) verändert hätte.15 Der Anstieg der Millionärszahlen ist somit weniger ein Indikator für eine breite Zunahme unternehmerischer Neugründungen als vielmehr ein Spiegel der Wertentwicklung bestehender Assets.
Die Entwicklung der Millionärszahlen in den letzten 15 Jahren war dynamisch und spiegelt die Volatilität der Finanzmärkte wider:
- 2010: In Deutschland lebten rund 830.000 Vermögensmillionäre.1
- 2013: Die Zahl überschritt erstmals die Millionengrenze und erreichte 1.015.000.1
- 2019: Vor der COVID-19-Pandemie wurde die Zahl auf über 1,3 Millionen geschätzt.5
- 2021: Infolge der starken Börsenerholung und steigender Immobilienpreise während der Pandemie stieg die Zahl sprunghaft an, Schätzungen zufolge um rund 220.000 Personen gegenüber dem Vorjahr.20
- 2022: Die Zahl wurde auf etwa 1,612 Millionen geschätzt.4 Der globale Vermögensbericht von UBS/Credit Suisse verzeichnete für 2022 einen weltweiten Rückgang der Millionäre um 3,5 Millionen auf 59,4 Millionen, bedingt durch die Börsenabschwünge und die Stärke des US-Dollars.17
- 2023: Die Schätzungen für dieses Jahr variieren erheblich, was die methodischen Unterschiede der Berichte verdeutlicht. Eine Quelle nennt ca. 1,646 Millionen Millionäre 4, während der UBS Global Wealth Report 2024 von 2,82 Millionen ausgeht.15
- 2024: Der Capgemini World Wealth Report 2025 meldete für das Vorjahr einen Rückgang der Millionärspopulation in Deutschland um 41.000, was auf die wirtschaftliche Stagnation in Europa zurückgeführt wird.21
Trotz dieser Schwankungen ist der langfristige Trend eindeutig. Prognosen wie die des UBS Global Wealth Report 2024 gehen von einem weiteren Anstieg der Millionärszahl in Deutschland auf über 3,2 Millionen bis zum Jahr 2028 aus.15
Tabelle 1: Entwicklung der Anzahl der Vermögensmillionäre in Deutschland (geschätzt, 1950–2024)
| Jahr | Währung | Anzahl der Vermögensmillionäre (geschätzt) | Quelle / Schätzgrundlage / Anmerkung |
| 1950-1989 | DM | Stetig wachsend, keine verlässlichen Jahresdaten | Qualitative Schätzung basierend auf Wirtschaftswachstum |
| 2009 | EUR | 861.500 (US$-Millionäre) | World Wealth Report 1 |
| 2010 | EUR | 830.000 | Valluga AG 1 |
| 2013 | EUR | 1.015.000 | World Wealth Report 1 |
| 2019 | EUR | ca. 1.300.000 | Verumvest 5 |
| 2020 | EUR | ca. 1.390.000 | Eigene Berechnung basierend auf Anstieg 2021 20 |
| 2021 | EUR | ca. 1.610.000 | Finanztrends 20 |
| 2022 | EUR | 1.612.000 | FTD.de 4 |
| 2023 | EUR | 1.646.000 – 2.820.000 | Bandbreite aus verschiedenen Berichten 4 |
| 2024 | EUR | ca. 1.605.000 | Eigene Berechnung basierend auf Rückgang 21 |
Anmerkung: Die Zahlen, insbesondere aus den World Wealth Reports, beziehen sich oft auf US-Dollar-Millionäre und werden hier als Näherung für Euro-Millionäre verwendet. Die unterschiedlichen Zahlen für dasselbe Jahr unterstreichen die verschiedenen Modellierungsansätze der Institute.
Teil II: Die Konzentration des Gesamtvermögens – Die oberen 10 Prozent
Während die Anzahl der Millionäre die Akkumulation an der Spitze misst, zeigt der Vermögensanteil des obersten Dezils das Ausmaß der Ungleichheit in der gesamten Gesellschaft. Die historische Entwicklung dieses Anteils offenbart tiefgreifende strukturelle Veränderungen in der deutschen Wirtschafts- und Sozialordnung.
2.1 1950–1989: Die “nivellierte Gesellschaft” der Nachkriegszeit?
Die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts war geprägt von einem dramatischen Rückgang der Vermögenskonzentration in Deutschland und anderen westlichen Industrienationen.22 Während das reichste Prozent der Bevölkerung um 1895 noch fast 50 % des Gesamtvermögens besaß, sank dieser Anteil bis Mitte des Jahrhunderts erheblich.6 Die Ursachen hierfür waren vielschichtig: die Zerstörung von Kapital in zwei Weltkriegen, die Hyperinflation der 1920er Jahre, die Weltwirtschaftskrise und gezielte politische Maßnahmen.
Eine der wirkungsvollsten Maßnahmen in der jungen Bundesrepublik war der Lastenausgleich von 1952. Durch eine Vermögensabgabe von 50 % auf erhalten gebliebene Vermögen, zahlbar über 30 Jahre, wurde eine massive Umverteilung zur Unterstützung von Kriegsgeschädigten und Vertriebenen eingeleitet.6 Dies trug dazu bei, dass der Anteil des reichsten Prozents am Vermögen im Jahr 1953 auf unter 25 % gesunken war.6
Für die darauffolgenden Jahrzehnte in Westdeutschland deuten die verfügbaren Daten auf eine Phase relativer Stabilität ohne stark wachsende Ungleichheit hin. Eine Datenreihe zeigt, dass der Anteil der reichsten 10 % am Gesamtvermögen von 48,8 % im Jahr 1973 auf 45,5 % im Jahr 1983 und weiter auf 40,8 % im Jahr 1988 sank.6 Parallel dazu war die Vermögensverteilung in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) durch das Fehlen von privatem Produktivvermögen extrem flach. Diese völlig unterschiedlichen Ausgangslagen sind entscheidend für das Verständnis der Entwicklungen nach 1990.
2.2 1990–2024: Wiedervereinigung und die Divergenz der Vermögen
Die deutsche Wiedervereinigung stellte eine historische Zäsur dar, die auch die Vermögensstatistik nachhaltig veränderte. Die Integration von rund 16 Millionen DDR-Bürgern, die kaum nennenswertes Privatvermögen besaßen, führte zu einem statistischen Schock. Das Gesamtvermögen Westdeutschlands wurde nun auf eine deutlich größere Gesamtbevölkerung verteilt, was rein rechnerisch zu einem Anstieg der gemessenen Ungleichheit führte.6
Seit den 1990er Jahren lässt sich ein klarer Trend zu einer wieder zunehmenden oder sich auf sehr hohem Niveau verfestigenden Vermögenskonzentration beobachten. Die verschiedenen wissenschaftlichen Quellen kommen hierbei zu leicht unterschiedlichen, aber in der Tendenz übereinstimmenden Ergebnissen:
- Daten der World Inequality Database (WID): Eine konsistente Zeitreihe, die auf WID-Daten basiert, zeigt für den Anteil der oberen 10 % einen Anstieg von 57,5 % im Jahr 1995 auf einen Höchststand von 60,5 % im Krisenjahr 2008. Seither hat sich der Wert auf einem hohen Plateau zwischen 58 % und 60 % stabilisiert.23
- Daten des DIW Berlin (SOEP): Die Analysen des DIW weisen, insbesondere nach der methodischen Korrektur durch die Hochvermögenden-Stichprobe, tendenziell noch höhere Konzentrationswerte aus.
- 2002: 57,9 % 6
- 2007: 61,1 %.6 Eine andere DIW-Analyse für dasselbe Jahr, die Spitzenvermögen stärker berücksichtigt, kommt sogar auf 66,6 %.6
- 2017: 56 %.6
- 2019: Nach Integration der SOEP-P-Stichprobe schätzt das DIW den Anteil der oberen 10 % auf mindestens 63 % 6, in einer späteren Analyse sogar auf 67 %.25
- Daten der Deutschen Bundesbank (PHF): Die Studien der Bundesbank zeigen eine ähnliche Größenordnung, liegen aber meist am unteren Rand der Schätzungen.
- 2017: 55 % 11
- 2021: 56 % 11
Diese Divergenz der Vermögen wird noch deutlicher, wenn man die Entwicklung am unteren Ende der Verteilung betrachtet. Während die reichere Hälfte der Bevölkerung ihr Vermögen seit 1993 mehr als verdoppeln konnte, stagnierte das reale Vermögen der ärmeren 50 % der Haushalte. Infolgedessen halbierte sich der Anteil dieser Gruppe am Gesamtvermögen von etwa 4 % im Jahr 1993 auf unter 2,5 % im Jahr 2018.22 Die Vermögensdynamik der letzten 30 Jahre hat bestehende Unterschiede massiv verstärkt.
2.3 Absolute Vermögenswerte: Vom Anteil zum Betrag
Die prozentualen Anteile gewinnen an Aussagekraft, wenn sie mit der Entwicklung des absoluten Gesamtvermögens in Deutschland in Beziehung gesetzt werden. Dieses ist in den letzten Jahrzehnten, angetrieben durch Ersparnisbildung und vor allem durch die bereits erwähnte Wertsteigerung von Immobilien und Unternehmensanteilen, stark gewachsen.
- Entwicklung des Gesamtnettovermögens der privaten Haushalte:
- 2007: 7,225 Billionen € 6
- 2012: 6,3 Billionen € (SOEP-Hochrechnung) 26
- 2017: ca. 14,3 Billionen € 6
- 2022: Laut einer Analyse des Bundeswirtschaftsministeriums besaßen die oberen 10 % der Bevölkerung rund 10,5 Billionen €, was bei einem Anteil von ca. 61 % auf ein Gesamtvermögen von etwa 17,2 Billionen € schließen lässt.27
- Anfang 2024: Allein das Nettogeldvermögen (ohne Sachwerte wie Immobilien) der privaten Haushalte belief sich laut Bundesbank auf 5,79 Billionen €.28
Kombiniert man diese absoluten Zahlen mit den prozentualen Anteilen, wird die Dimension der Vermögensakkumulation an der Spitze greifbar:
- 2007: Bei einem Anteil von 61,1 % bis 66,6 % entfielen auf die oberen 10 % der Bevölkerung zwischen 4,41 Billionen € und 4,81 Billionen € des Gesamtvermögens.6
- 2022: Der absolute Vermögenswert der oberen 10 % wird direkt mit 10,5 Billionen € beziffert.27
Ein konstanter oder leicht steigender Anteil an einem stark wachsenden Gesamtkuchen bedeutet einen überproportionalen absoluten Vermögenszuwachs für die Spitze. Während die untere Hälfte der Bevölkerung kaum von der Vermögensentwicklung profitierte, konnte das oberste Dezil sein Vermögen in den letzten 15 Jahren mehr als verdoppeln.
Tabelle 2: Vermögenskonzentration in Deutschland (ausgewählte Jahre, 1973–2022)
| Jahr | Gesamt-Nettovermögen (in Mrd. EUR, nominal) | Anteil der oberen 10% (in %) | Absolutes Vermögen der oberen 10% (in Mrd. EUR, berechnet) | Quelle(n) für Anteil |
| 1973 | k.A. | 48,8 | k.A. | Wikipedia (West-DE) 6 |
| 1988 | k.A. | 40,8 | k.A. | Wikipedia (West-DE) 6 |
| 1995 | k.A. | 57,5 | k.A. | WID / MacroMicro 23 |
| 2002 | k.A. | 57,9 | k.A. | DIW / bpb 6 |
| 2007 | 7.225 | 61,1 – 66,6 | 4.414 – 4.813 | DIW / bpb 6 |
| 2012 | 6.300 | ca. 59 | ca. 3.717 | DIW (SOEP) 26 |
| 2017 | 14.300 | 55 – 56 | 7.865 – 8.008 | Bundesbank / DIW 11 |
| 2019 | k.A. | 63 – 67 | k.A. | DIW (SOEP-P) 6 |
| 2021 | k.A. | 56 | k.A. | Bundesbank (PHF) 11 |
| 2022 | ca. 17.200 | ca. 61,2 | 10.500 | BMWK 27 |
k.A. = keine Angabe. Die Tabelle verdeutlicht die Bandbreite der Schätzungen und die Notwendigkeit, verschiedene Quellen zu konsultieren.
Synthese und Ausblick: Strukturelle Treiber und internationale Perspektive
Die Analyse der vergangenen sieben Jahrzehnte zeichnet ein klares Bild: Nach einer Phase der relativen Nivellierung in der Nachkriegszeit hat sich die Vermögensschere in Deutschland seit der Wiedervereinigung wieder deutlich geöffnet. Die absolute Zahl der Millionäre ist vor allem durch Wertsteigerungen bei bestehenden Vermögenswerten explodiert, während sich der Anteil des obersten Dezils am Gesamtvermögen auf einem international sehr hohen Niveau von rund 60 % verfestigt hat. Die untere Hälfte der Bevölkerung wurde von dieser Entwicklung weitgehend abgekoppelt. Diese hohe und persistente Vermögenskonzentration wird durch mehrere strukturelle Faktoren begünstigt.
Strukturelle Treiber der Ungleichheit
- Erbschaften: Deutschland ist eine “Erben-Gesellschaft”. Ein erheblicher Teil der Superreichen hat sein Vermögen geerbt, was die Vermögensmobilität an der Spitze der Verteilung reduziert.29 Da Erbschaften und Schenkungen selbst hochkonzentriert sind – die reichsten 10 % der Begünstigten erhalten etwa die Hälfte des gesamten Transfervolumens – zementiert dieser Mechanismus die Ungleichheit über Generationen hinweg.25
- Struktur des Unternehmensvermögens: Ein wesentliches Merkmal der deutschen Wirtschaft ist der starke “Mittelstand”. Ein großer Teil des Vermögens an der Spitze ist in oft nicht börsennotierten Unternehmensanteilen gebunden. Während Betriebsvermögen für die breite Bevölkerung kaum eine Rolle spielt, macht es beim reichsten Prozent über 30 % und bei den reichsten 0,1 % sogar über 50 % des Vermögens aus.9 Diese Vermögensform ist hochkonzentriert und schwer zu bewerten.
- Wohnimmobilienbesitz: Im europäischen Vergleich hat Deutschland eine der niedrigsten Wohneigentumsquoten. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung lebt zur Miete.27 Dies hat zur Folge, dass ein großer Teil der Gesellschaft nicht von den erheblichen Wertsteigerungen am Immobilienmarkt der letzten Jahrzehnte profitieren konnte. Vermögensaufbau durch Immobilienbesitz bleibt somit einer kleineren Gruppe vorbehalten, was die Ungleichheit verstärkt.
Internationale Einordnung
Im internationalen Vergleich weist Deutschland eine der höchsten Vermögenskonzentrationen unter den großen Industrienationen auf. Der Gini-Koeffizient, ein Standardmaß für Ungleichheit, liegt für die Vermögensverteilung in Deutschland bei Werten um 0,8, was auf eine extreme Ungleichverteilung hindeutet.6 Länder wie Frankreich, Italien oder Spanien weisen eine deutlich gleichmäßigere Verteilung auf.31 Während die Einkommensungleichheit in Deutschland im europäischen Mittelfeld liegt, ist die Vermögensungleichheit außergewöhnlich hoch.33
Schlussfolgerung und Ausblick
Das Dossier zeigt, dass die Vermögensentwicklung in Deutschland seit 1950 von zwei gegenläufigen Phasen geprägt war: einer Phase der Dekonzentration bis in die 1970er Jahre und einer Phase der Rekonzentration und Divergenz seit der Wiedervereinigung. Die heutige hohe Vermögensungleichheit ist das Ergebnis langfristiger struktureller Faktoren sowie der spezifischen Marktdynamiken der letzten Jahrzehnte, insbesondere der “Asset Price Inflation”.
Zukünftige Entwicklungen wie der demografische Wandel, der eine massive Erbschaftswelle mit sich bringt, die Zinswende, die die Bewertung von Vermögenswerten neu justiert, und potenzielle steuerpolitische Reformen werden die Verteilungsdynamik in den kommenden Jahren maßgeblich beeinflussen. Die transparente Erfassung und Analyse dieser Entwicklungen bleibt eine zentrale Aufgabe für Wirtschaftswissenschaft und Politik, um die Grundlagen für eine stabile und prosperierende Gesellschaft zu sichern.
Referenzen
- Vermögensmillionär – Wikipedia, Zugriff am Oktober 22, 2025, https://de.wikipedia.org/wiki/Verm%C3%B6gensmillion%C3%A4r
- Rund 34 500 Einkommensmillionärinnen und -millionäre im Jahr 2021 in Deutschland – Statistisches Bundesamt, Zugriff am Oktober 22, 2025, https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2025/06/PD25_194_73111.html
- Reichtums-Check für Deutschland: Ab wann ist man Multimillionär? – T-Online, Zugriff am Oktober 22, 2025, https://www.t-online.de/leben/alltagswissen/id_100204064/reichtums-check-fuer-deutschland-ab-wann-ist-man-multimillionaer-.html
- Wie viele Millionäre leben in Deutschland? (2024) – ftd.de, Zugriff am Oktober 22, 2025, https://www.ftd.de/vermoegen/wie-viele-millionaere-leben-in-deutschland/
- Ab wann ist man wirklich Millionär? | Verumvest GmbH, Zugriff am Oktober 22, 2025, https://verumvest.com/ab-wann-ist-man-millionaer/
- Vermögensverteilung in Deutschland – Wikipedia, Zugriff am Oktober 22, 2025, https://de.wikipedia.org/wiki/Verm%C3%B6gensverteilung_in_Deutschland
- Vermögen und Finanzen privater Haushalte in Deutschland: Ergebnisse der Vermögensbefragung 2023 – Deutsche Bundesbank, Zugriff am Oktober 22, 2025, https://publikationen.bundesbank.de/publikationen-de/berichte-studien/monatsberichte/vermoegen-und-finanzen-privater-haushalte-in-deutschland-ergebnisse-der-vermoegensbefragung-2023–954598
- MillionärInnen unter dem Mikroskop: Datenlücke bei sehr hohen Vermögen geschlossen, Zugriff am Oktober 22, 2025, https://www.bpb.de/system/files/dokument_pdf/DIW%20Wochenbericht%2029.2020.pdf
- Gerechtes Deutschland – Die Rolle der Vermögen – Institut der deutschen Wirtschaft (IW), Zugriff am Oktober 22, 2025, https://www.iwkoeln.de/fileadmin/user_upload/Studien/Gutachten/PDF/Gutachten_Gerechtes-Deutschland.pdf
- MillionärInnen unter dem Mikroskop: Datenlücke bei sehr hohen Vermögen geschlossen – EconStor, Zugriff am Oktober 22, 2025, https://www.econstor.eu/bitstream/10419/229426/1/20-29-1.pdf
- Monatsbericht: Vermögen in Deutschland sind deutlich gestiegen – Deutsche Bundesbank, Zugriff am Oktober 22, 2025, https://www.bundesbank.de/de/aufgaben/themen/monatsbericht-vermoegen-in-deutschland-sind-deutlich-gestiegen-907726
- Einkommens- und Vermögensverteilung in Deutschland – DIW Berlin, Zugriff am Oktober 22, 2025, https://www.diw.de/de/diw_01.c.936164.de/publikationen/externe_referierte_aufsaetze/2024_0007/einkommens-_und_vermoegensverteilung_in_deutschland.html?utm_source=tomegenius
- World Inequality Database – Wikipedia, Zugriff am Oktober 22, 2025, https://en.wikipedia.org/wiki/World_Inequality_Database
- Wealth Distribution in Germany – WID – World Inequality Database, Zugriff am Oktober 22, 2025, https://wid.world/news-article/wealth-and-its-distribution-in-germany/
- Diese Geldanlagen machen Millionäre in Deutschland reich – Sparkasse, Zugriff am Oktober 22, 2025, https://www.sparkasse.de/pk/ratgeber/finanzplanung/finanzen-und-haushalt/millionaere-in-deutschland.html
- World Wealth Report 2022 – Capgemini, Zugriff am Oktober 22, 2025, https://www.capgemini.com/wp-content/uploads/2023/04/WWR_2022_Report-.pdf
- Global Wealth Report 2023 – UBS, Zugriff am Oktober 22, 2025, https://www.ubs.com/global/en/family-office-uhnw/reports/global-wealth-report-2023/_jcr_content/mainpar/toplevelgrid_5684475_1708633751/col1/innergrid/xcol1/actionbutton_copy_co.1784379955.file/PS9jb250ZW50L2RhbS9hc3NldHMvd20vZ2xvYmFsL2ltZy9nbG9iYWwtZmFtaWx5LW9mZmljZS9kb2NzL2d3ci0yMDIzLWVuLTIucGRm/gwr-2023-en-2.pdf
- Vermögensbildung in Arbeitnehmerhand«? – Rosa-Luxemburg-Stiftung, Zugriff am Oktober 22, 2025, https://www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/Themen/Klassen_und_Sozialstruktur/2020-01-30_Ka_Vermoegensbildung_in_Arbeitnehmerhand.pdf
- Einkommen und Vermögen – wachsende Ungleichheiten | Lange Wege der Deutschen Einheit | bpb.de, Zugriff am Oktober 22, 2025, https://www.bpb.de/themen/deutsche-einheit/lange-wege-der-deutschen-einheit/47436/einkommen-und-vermoegen-wachsende-ungleichheiten/
- Wie viele Millionäre gibt es in Deutschland? – Finanztrends, Zugriff am Oktober 22, 2025, https://www.finanztrends.de/wissen/wie-viele-millionaere-in-deutschland-gibt/
- North America high-net-worth individual population surges, while Europe and Middle East shrink – Capgemini, Zugriff am Oktober 22, 2025, https://www.capgemini.com/news/press-releases/north-america-high-net-worth-individual-population-surges-while-europe-and-middle-east-shrink/
- Die Einkommens- und Vermögensverteilung in Deutschland – Wirtschaftsdienst, Zugriff am Oktober 22, 2025, https://www.wirtschaftsdienst.eu/inhalt/jahr/2024/heft/7/beitrag/die-einkommens-und-vermoegensverteilung-in-deutschland.html
- Top 10% Net Personal Wealth Share – MacroMicro, Zugriff am Oktober 22, 2025, https://en.macromicro.me/cross-country-database/top-10-wealth-share
- Vermögensverteilung | Die soziale Situation in Deutschland | bpb.de, Zugriff am Oktober 22, 2025, https://www.bpb.de/kurz-knapp/zahlen-und-fakten/soziale-situation-in-deutschland/61781/vermoegensverteilung/
- Vermögensungleichheit in Deutschland – DIW Berlin, Zugriff am Oktober 22, 2025, https://www.diw.de/documents/publikationen/73/diw_01.c.831670.de/21-50-1.pdf
- Anhaltend hohe Vermögensungleichheit in Deutschland, Zugriff am Oktober 22, 2025, https://d-nb.info/1152139258/34
- Vermögensungleichheit in Deutschland und Europa – BMWE – bundeswirtschaftsministerium.de, Zugriff am Oktober 22, 2025, https://www.bundeswirtschaftsministerium.de/Redaktion/DE/Schlaglichter-der-Wirtschaftspolitik/2024/03/05-vermoegensungleichheit-in-deutschland-und-europa.html
- Geldvermögensbildung und Außenfinanzierung in Deutschland im ersten Quartal 2024 | Deutsche Bundesbank, Zugriff am Oktober 22, 2025, https://www.bundesbank.de/de/presse/pressenotizen/geldvermoegensbildung-und-aussenfinanzierung-in-deutschland-im-ersten-quartal-2024-936128
- Data Sources Library – The GC Wealth Project, Zugriff am Oktober 22, 2025, https://wealthproject.gc.cuny.edu/data/data-sources-library/
- Publication list of Dr. Markus M. Grabka – DIW Berlin, Zugriff am Oktober 22, 2025, https://www.diw.de/documents/dokumentenarchiv/17/diw_01.c.95992.de/diwpublication_de_mgrabka.pdf
- Bundesbank-Studie: Vermögen in Deutschland steigen nominal, gehen aber real zurück. Ungleichheit bleibt unverändert, Zugriff am Oktober 22, 2025, https://www.bundesbank.de/de/aufgaben/themen/bundesbank-studie-vermoegen-in-deutschland-steigen-nominal-gehen-aber-real-zurueck-ungleichheit-bleibt-unveraendert-954622
- Vermögensverteilung – Wikipedia, Zugriff am Oktober 22, 2025, https://de.wikipedia.org/wiki/Verm%C3%B6gensverteilung
- DIW Wochenbericht, Zugriff am Oktober 22, 2025, https://www.diw.de/documents/publikationen/73/diw_01.c.884858.de/23-45-1.pdf
KI-gestützt. Menschlich veredelt.
Martin Käßler ist ein erfahrener Tech-Experte im Bereich AI, Technologie, Energie & Space mit über 15 Jahren Branchenerfahrung. Seine Artikel verbinden fundiertes Fachwissen mit modernster KI-gestützter Recherche- und Produktion. Jeder Beitrag wird von ihm persönlich kuratiert, faktengeprüft und redaktionell verfeinert, um höchste inhaltliche Qualität und maximalen Mehrwert zu garantieren.
Auch bei sorgfältigster Prüfung sehen vier Augen mehr als zwei. Wenn Ihnen ein Patzer aufgefallen ist, der uns entgangen ist, lassen Sie es uns bitte wissen: Unser Postfach ist martinkaessler, gefolgt von einem @ und dem Namen einer bekannten Suchmaschine (also googlemail) mit der Endung .com. Oder besuchen Sie Ihn gerne einfach & direkt auf LinkedIn.



